POLITIK AM KÜCHENTISCH
- Alexander Kästel

- vor 24 Minuten
- 3 Min. Lesezeit
Ernährung in der Gegenwartskunst 23/05 – 04/10/2026 im wilhelmhackmuseum
Das Wilhelm-Hack-Museum füllte sich rasch. Internationale Künstler*innen, Gäste, Besucher*innen aus Kunst und Gesellschaft, Vertreter*innen der Stadt, der Wirtschaft und Wissenschaft. Im Foyer wummerten sanfte House- und Technobeats, während sich die Menschen schon durch die Räume bewegten, Arbeiten betrachteten, Videoinstallationen betrachteten und zuhörten und einzelne Werke sogar physisch erfahrbar wurden. Erde wurde gekostet. Nahrung wurde Material, Skulpturen aus Schokolade, Kartoffelsäcke. Sinnliche Erfahrungen und Diskurs zugleich. Überwältigend für mich die Titelarbeit „Perpetual Harvest“. Raketen aus Stroh: die Schatten an der Wand haben mich dabei besonders beeindruckt.
Die von Julia Katharina Thiemann kuratierte internationale Gruppenausstellung „Politik am Küchentisch. Ernährung in der Gegenwartskunst“ beschäftigt sich mit der Frage, wie eng Ernährung, Politik, Ökologie und gesellschaftliche Machtstrukturen miteinander verbunden sind. Nicht abstrakt, sondern unmittelbar. Jeden Tag. Am eigenen Küchentisch.
An der Ausstellung beteiligt sind Anca Benera & Arnold Estefán, Arijit Bhattacharyya, Baran Caginli, Cercle d'Art des Travailleurs de Plantation Congolaise, Juan Cortés, Disnovation.org, Patricia Domínguez, Center for Genomic Gastronomy, Zhanna Kadyrova, Bianca Kennedy, Dominique Koch, Eva-Fiore Kovacovsky, Mary Maggic, masharu, Deirdre O'Mahony, Ana Núñez Rodríguez, Alicja Rogalska, Chloé Rutzerveld, Miriam Simun, Caique Tizzi und Raul Walch.
Nach der Eröffnung folgte eine kleine Podiumsdiskussion, in der genau diese Spannungen erfahrbar wurden. Eine Besucherin aus dem Publikum merkte an, dass individuelle Entscheidungen durchaus Macht besitzen. Dass Verbraucher*innen jeden Tag die Möglichkeit hätten, sich für das „Bessere“ zu entscheiden und dadurch langfristig Veränderungen anzustoßen.
Der Wissenschaftler auf der Bühne antwortete höflich, aber bestimmt. Die Vorstellung, dass grundlegende gesellschaftliche Veränderungen primär durch individuelle Konsumentscheidungen entstehen, sei ein über Jahrzehnte geprägtes Narrativ. Die eigentlichen Hebel lägen bei großen Unternehmen, politischen Entscheidungen und gesetzlichen Rahmenbedingungen. Strukturelle Veränderungen müssten politisch gewollt und umgesetzt werden.
Diese Spannung durchzieht die gesamte Ausstellung. Viele ökologische Probleme zeigen genau diese Widersprüche. Plastikmüll etwa wird seit Jahrzehnten stark individualisiert diskutiert. Verbraucher*innen sollen trennen, verzichten und bewusster konsumieren, während gleichzeitig Unternehmen weiterhin enorme Mengen Einwegplastik produzieren. Ähnlich verhält es sich mit CO₂-Emissionen. Der Begriff des „ökologischen Fußabdrucks“ wurde wesentlich von Ölkonzernen popularisiert und verlagerte Verantwortung auf Einzelpersonen, obwohl globale Emissionen vor allem strukturell durch Industrie, Energiepolitik und internationale Konzerne geprägt werden. Individuelle Entscheidungen bleiben wichtig. Sie verändern den unmittelbaren sozialen Raum und beeinflussen Menschen im direkten Umfeld. Doch ohne politische und wirtschaftliche Veränderungen stoßen sie schnell an Grenzen.
Im Anschluss an die Diskussion zeigte Baran Caginli seine Performance „Baking Books“. Er teilte selbstgebackene Brote in Form von Lenin, Marx und Luxemburg mit den Besucher*innen und kam dabei mit ihnen ins Gespräch. Kunst wurde hier nicht nur betrachtet, sondern gemeinsam geteilt und vor Ort noch verzehrt.
Langsam verlagerte sich der Abend nach draußen vor das Museum. Gefühlt der erste warme Sommerabend. Zwischen Getränken, Gesprächen und einem Foodtruck mit Falafel und Schawarma entstand ein dichtes soziales Gefüge aus Begegnungen, Diskussionen und Wiedersehen. Viele, ich auch, blieben bis spät am Abend.
Für mich persönlich sind genau solche Abende ein wesentlicher Teil meiner Arbeit. Ich habe wieder viele liebe Menschen und Freund*innen getroffen und neue spannende Menschen kennengelernt. Wenn sich Arbeit wie Atmen anfühlt und Motive sich beinahe von selbst arrangieren, entsteht eine besondere Form von Konzentration. Bewegungen, Gesten, Blicke und Begegnungen greifen ineinander wie eine Choreografie, die niemand geplant hat. Genau dort entsteht für mich Fotografie. Natürlich ist es trotzdem Arbeit. Konzentration, Wahrnehmung, Timing. Gleichzeitig liegt darin für mich eine große Leichtigkeit, geboren aus Neugier, Aufmerksamkeit und echtem Interesse am Menschen und an der Kunst.
Meine Reportage versucht deshalb nicht, die Ausstellung festzuhalten. Sie versucht, die Verdichtung eines Abends einzufangen. Die Konzentration in den Räumen. Die Stille vor einem Werk, das einen nicht loslässt. Die Übergänge zwischen Kunst, gesellschaftlichem Diskurs und sozialem Raum. Momente, in denen das eine ins andere übergeht.
Einen Abend, an dem Gegenwartskunst nicht auf Distanz blieb. Sondern unmittelbar in den Alltag und die Wirklichkeit hineinragte. Uns alle berührte.
Weitere Informationen zu dieser Ausstellung auf der Webseite vom Wilhelm-Hack-Museum: https://www.wilhelmhack.museum/de/ausstellungen/vorschau/politik-am-kuechentisch
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