JONATHAN MEESE - DER HOFNARR DER KUNST
- Alexander Kästel

- vor 6 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Tagen
im Wilhelm-Hack-Museum vom 15.11.2025 bis 6.4.2026
Gesamtkunstwerk "Erzbuch"! (Buch der Bücher)
Eine der Aufnahmen, die ich an diesem Abend im Wilhelm-Hack-Museum von Jonathan Meese machte, wirkt für mich heute wie eine konzentrierte Essenz seines Wesens.

Da steht er – ein dunkler Monolith aus Leder, Haar und Beharrlichkeit, die Hände in den Taschen, als wolle er sich selbst erden, bevor er gleich abhebt. Die Sonnenbrille spiegelt den Raum zurück, nicht uns zu ihn, sondern ihn zu uns. Der Blick dahinter bleibt unzugänglich, eine ironische Machtdemonstration.
Gleichzeitig wirkt er, in seiner Mischung aus Rockerpose und Priesterrobe, wie ein Prophet des Absurden: jemand, der die Bühne betritt, um einer Gemeinde etwas zu verkünden, die gar nicht wusste, dass sie sich heute versammeln würde. Und doch steht er einfach da – fast still, fast entspannt –, als würde er die eigene Performance kurz anhalten, um mit völliger Selbstverständlichkeit zu zeigen: Ich bin die Kunst.
Der Abend im Wilhelm-Hack-Museum war für mich ein seltsames Hin- und Hergerissen-Sein zwischen Wahnsinn und Genialität, zwischen dem Absurden und dem zutiefst Menschlichen. Meese performte von der ersten Sekunde an; er braucht keine Bühne, weil er selbst Bühne ist. Sein innerer Antrieb scheint nicht erschöpfbar, ein rastloses Durchlaufen sämtlicher Register seiner Persönlichkeit. Und doch steckt in all seiner Überdrehtheit eine Form der Achtsamkeit: der Versuch, jede Sekunde nicht nur zu füllen, sondern zu verwenden, ja gar sie zu verwerten. Er zieht andere mit hinein in diesen Meese-Kosmos, der mal wie ein schwarzes Loch alles verschlingt und dann wieder wie ein Gravitationszentrum alles zusammenhält.

Die Kunstgeschichte hat schon viele Provokateure gesehen, und in dieser Linie steht Meese ohne Frage. Anders als Beuys, der auf soziale Interventionen setzte, oder Kiefer, der Geschichte als monumentale Last inszeniert, operiert Meese eher wie ein dadaistischer Schamane. Er entzieht Sinn, indem er ihn überproduziert, verwechselt Höhe mit Tiefe und erreicht paradoxerweise genau damit oft einen Zustand der Wahrheit. Sein Umgang mit Tabus – etwa der Hitlergruß, mit dem er in die juristische Arena stürzte – ist ein Beispiel für das Risiko, das er bereitwillig eingeht: ein Spiel mit Symbolen, das wie eine Mischung aus Aufklärung und Tollkühnheit wirkt. Für manche ist es radikale Kunstfreiheit, für andere Verantwortungslosigkeit. Für ihn scheint beides irrelevant, solange die Kunst das Sagen hat.

An diesem Abend aber hatte ich nicht den Provokateur vor mir, der die Grenzen politischer Symbolik austestet, sondern einen Künstler, der die Menschen direkt anspricht. Er war übergriffig und höflich zugleich, einnehmend und distanzlos, ohne dabei manipulativ zu wirken. Er wiederholte seine Sätze, seine Mantras, seine Liebeserklärungen an die Kunst immer wieder – vier-, sieben-, zwanzigmal. Doch nichts verlor an Intensität. Im Gegenteil: Es schien, als bräuchte Meese die Wiederholung, um die Materie zu verdichten, als sei Sprache für ihn ein Rohstoff, der durch Reibung erst glühend wird.

Was mich an diesem Abend besonders berührte, war seine Rede über die Liebe. Nicht im kitschigen Sinne, sondern als fundamentale schöpferische Kraft. Kunst sei alles, was mit Liebe gemacht wurde, sagte er – und schloss seine Mutter selbstverständlich mit ein, als sei sie das Urmodell aller schöpferischen Energie. In seiner Mythologie wird die Mutter zur Mutter der Kunst, und er selbst erscheint wie ihr charismatischer Sohn, der die Lehre hinaus in die Welt trägt. In manchen Momenten schimmerte die seltsame Doppelgestalt aus Jesus und Che Guevara durch – nicht nacheinander, sondern gleichzeitig, als seien beide Figuren in seinem inneren Universum Dauermieter. Natürlich ist mir bewusst, wie sektenhaft das klingt. Es wirkte beinahe, als stünde ein Kultführer im Museum, der seine Gemeinde nicht erst überzeugen muss, weil sie ohnehin schon auf ihn wartet. Die Schlange an Menschen, die Autogramme wollten – ungeplant, endlos, demütig –, erinnerte an Popkultur, nicht an Kunstbetrieb. In deren Augen sah ich den gleichen Sog, den auch ich durch den Sucher meiner Kamera spürte: eine Mischung aus Faszination, Unbehagen und unheimlicher Vertrautheit.

Das ist die große Stärke, aber auch das große Problem Jonathan Meeses. Sein Auftreten und sein Werk öffnen Türen zu Menschen, die schwer erreichbar sind – aber sie stoßen ebenso jene ab, die Distanz und Kontrolle brauchen, um sich sicher zu fühlen. Er überschreitet Grenzen in dem Bewusstsein, auch die der anderen zu überschreiten, und gerade das ist die Quelle seiner Kraft: Er nimmt in Kauf, dass manche ihn feiern und andere ihn verachten. Dazwischen bleibt kaum etwas übrig.

Vielleicht ist genau das Kunst: der Raum, in dem uns nicht das Gefällige begegnet, sondern das, was wir im Alltag meiden würden. Meese zwingt uns, diese Begegnung auszuhalten. Er hält uns einen Spiegel vor, der weniger zeigt, wie er ist, sondern vielmehr, wie wir reagieren. Sein Wahnsinn ist kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug. Der Hofnarr hat seit jeher die Rolle, Wahrheiten auszusprechen, die sonst keiner sagt, und Meese nimmt diesen Job ernst. Er karikiert Kunst, Welt und Geschichte, und doch meint er es todernst. Das ist sein Paradox, sein Motor und sein größtes Risiko.
Ob ich das alles gutheiße? Ich weiß es nicht. Und vielleicht ist die Frage falsch. Denn Meese will nicht gefallen. Er will auch nicht provozieren um der Provokation willen. Er will etwas aufreißen. Er will die Kunst von allem Ballast befreien, indem er jeden Ballast durch die Übertreibung selbst entkräftet. Er ist kein Visionär im klassischen Sinne, keiner, der neue Wege zeichnet. Eher jemand, der die bestehenden Wege beschmiert, verwüstet, überschreibt – und uns damit zwingt, anders zu laufen.

So absurd es klingt: Meese ist Kunst. Nicht die Kunst, die sich anpasst oder anbiedert, sondern die, die brennt. Die, die sich selbst nicht kontrolliert. Die, die – manchmal – über das Ziel hinausschießt, um es überhaupt erst sichtbar zu machen. In seinen eigenen Worten wäre Kunst das Gegenteil von Anbiederung. Oder wie es einmal so treffend gesagt wurde: „Kunst ist Kacken, nicht Arschkriechen.“ Und Nietzsche liefert den düsteren Gegenpol dazu: „Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“
Bei Jonathan Meese passiert beides gleichzeitig.

Und auch ich konnte nicht widerstehen, einen Teil meines Honorars in „Das Buch der Bücher“ zu investieren, brav stand ich an in der Reihe der Popfans, war mittendrin, beobachtete alle und alles. Signiert hat er seine Arbeiten von 1993 – 2025 mit dem 15. August 2098.
Kunst muss berühren.
Vielen Dank an Jonathan Meese, an Dr. Robert Eikmeyer - Kurator der Ausstellung- dem gesamten Team rund um René Zechlin, vom Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen und an Meeses Mutter der Kunst.
Viel Freude an meiner Fotodokumentation:
244 Aufnahmen
Fotos: Alexander Kästel Rechte: Alexander Kästel & Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen
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