LAUT FÜR DIE, DIE SCHWEIGEN MÜSSEN
- Alexander Kästel

- 10. Juni
- 3 Min. Lesezeit
CSD Dresden 2026
Es muss nun knapp dreißig Jahre her sein, als ich auf meinem ersten CSD war. Das war in Dresden. Landeshauptstadt eines noch jungen Bundeslandes.
Ich erinnere mich noch genau. Ich kannte die Bilder aus Berlin und Köln, diese riesigen Umzüge, Trucks mit hämmernden Techno-Beats, ganze Straßenzüge eingehüllt in Disco-Nebel und Partyrausch. Und dann Dresden. Wie so oft ist das Leben nicht nur ein Was, sondern eine Facette aus mindestens Schwarz und Weiß, in diesem Fall aus allen Regenbogenfarben. Meine viel zu hohen Erwartungen wurden schnell und herb enttäuscht.
ABER:
Und daran erinnere ich mich bis heute am meisten: dieses Gefühl, doch nicht so allein zu sein. Zu wissen, da sind viele andere. Die sich im Notfall beistehen. Nicht nur im Notfall. Leben war damals ein Notfall. Wir befanden uns mitten in den Baseballschlägerjahren im Osten des Landes. Queerfeindliche Übergriffe und Gewalttaten waren an der Tagesordnung.
Dieser kleine CSD vor dreißig Jahren hat mich empowert.
Vielleicht ist das mit ein Grund, warum ich seit so vielen Jahren den CSD in Mannheim fotografisch begleite. Und ich begleite ihn nicht nur mit Fotos. Ich studiere ihn. Ich studiere die Menschen. Ich sehe ihre Emotionen. Ich sehe Glück, Freiheit, das Recht zu sein. Ich sehe die Notwendigkeit. Ich sehe die Diskriminierung. Und ich sehe auch die Not. Meine Kamera hilft mir dabei, all diese Gefühle zu bewahren. Viele von euch wissen es: ich habe nicht das beste Gedächtnis für Dinge, die ich nicht wirklich brauche. Filme kann ich zehnmal sehen und bin immer wieder überrascht, wie sie ausgehen. Ich nehme die Welt anders wahr, sagen wir: spezieller. Mich interessiert meist nicht der große Kontext, sondern die unendlich vielen Kleinigkeiten dazwischen, die uns erst ausmachen. Dinge, Menschen, Emotionen, die wir sonst übersehen. In Zeiten von Selbstdarstellung, Polarisierung und Bilderfluten, die immer wieder dasselbe Scheiß-Ideal zeigen.
Zurück ins Jahr 2026. Der Dresdner CSD hat mich mehr als überrascht. Gerade im Osten Deutschlands, ganz speziell in Sachsen, waren und sind die meisten queerfeindlichen Übergriffe auf CSD-Veranstaltungen im ganzen Land zu verzeichnen. Aus diesem Grund bin ich nach Dresden gefahren: um Solidarität zu zeigen. Dabei zu sein. Zu dokumentieren.
Was ich gesehen habe, hat mich erfreut.
Nicht dass unser Pride hier in Mannheim nicht politisch wäre. Das ist er auf jeder jeder Ebene. Unser Motto ist „intersektional. antifaschistisch. queer.“. Mehr als ein Statement hinter dem ich stehe. Das Dresdner Motto, „100% Mensch. Ohne Wenn und Aber!“, eine wichtige Botschaft an Stadt und Gesellschaft.
Die eigentliche Überraschung aber war der hohe Anteil junger queerer antifaschistischer Menschen. Dieses queere, antifaschistische Momentum zog sich durch die gesamte Demonstration, wie ein roter Faden, verflochten mit den Regenbogenfarben. Gegen das Braun in der Stadt und im Land. Was dem Motto politisch an Schliff fehlte, wurde durch die Teilnehmenden zu „100%“ aufgefüllt. FAZIT:
Dresden hat mich nicht gebraucht. Und das ist gut so.
Ich will nicht sagen, dass alles stabil war und ist. Blicke, Mutmaßungen, dumme Sprüche, Anfeindungen, die ich selbst in Dresden regelmäßig erlebe. Die meine Freund*innen regelmäßig erleben. Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung sind an der Tagesordnung. Das Wegschauen der Mehrheit, egal wo, ist Tagesordnung. Doch die „Löwenzähne“ der Stadt, ich spoilere hier gern eines meiner neuen Lieblingswörter, mögen noch klein sein. Aber sie sind scharf. Resistent und wachsen nach. Zurzeit noch stabil. Es liegt mit an uns, ob das so bleibt oder nicht. Ich zitiere mich wirklich ungern,
ABER:
„Wir müssen solidarischer werden. Wir müssen rechten Einschüchterungsversuchen etwas entgegensetzen, bevor sich erneut ein Klima der Angst, der Ausgrenzung und der Gewalt ausbreitet. Demokratie lebt nicht davon, dass die Betroffenen allein Haltung zeigen. Sie lebt davon, dass andere es mit ihnen gemeinsam tun.“
Ein kleines beschriebenes Pappschild im Umzug ist mir besonders in Erinnerung geblieben:
LAUT FÜR DIE, DIE SCHWEIGEN MÜSSEN
Besser kann ich's nicht beschreiben. Das sollte unser aller Motto sein.
Alles Gute & Happy Pride!
IN EIGENER SACHE:
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