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DIE WUCHT DER BEHAUPTUNG

  • Autorenbild: Alexander  Kästel
    Alexander Kästel
  • 14. Aug.
  • 7 Min. Lesezeit

Es gibt Begegnungen, die einen nicht deshalb erschüttern, weil man etwas völlig Unbekanntes hört. Sondern weil man plötzlich merkt, dass man dem Bekannten nicht mehr gewachsen ist.


Zwei weiße Schaumkopf-Modelle auf einem dunklen Holzschrank vor grauem Hintergrund, still und nüchtern.
BILDNUMMER: B0002399

 

Vor wenigen Tagen hatte ich so eine Begegnung.

An einem Ort, an dem ich regelmäßig mehrfach in der Woche bin, treffe ich immer wieder dieselbe Person. Freundlich, zuvorkommend, höflich, lächelnd. Wir unterhalten uns gern. Keine enge Bekanntschaft, aber eine angenehme, vertraute Begegnung. Ein Mensch, bei dem man zunächst nichts sucht, vor dem man sich in irgendeiner Weise schützen müsste.

 

Bei unserer letzten Begegnung kamen wir, wie so oft, auf die Weltlage, das Wetter, das Klima und die Politik. Das Gespräch begann völlig unspektakulär. Dann veränderte es sich. Plötzlich ging es um Milliarden für die Ukraine. Um einen Untersuchungsausschuss, der dem nicht nachgehe. Um einen mutmaßlichen ukrainischen Attentäter im Zusammenhang mit der Ostseepipeline, der vom Staat versteckt werde und über den die Medien nicht berichten dürften. Kurz darauf ging es um die AfD, um Wahlprognosen in Sachsen-Anhalt, um mögliche Mehrheiten. SPD und Grüne hätten es schließlich nicht geschafft. Die AfD müsse da jetzt mal ran. Nicht alle seien Nazis. Der Höcke, ja, der Höcke übertreibe es schon. Aber er sei ja nur einer.

 

Ich kenne solche Gespräche. Ich kann solche Gespräche.

Ich habe sie unzählige Male geführt. Ich beschäftige mich seit Jahren mit diesen Themen. Ich bin kein politischer Neuling und schon gar nicht jemand, der nicht widersprechen könnte.

 

Und trotzdem konnte ich plötzlich nicht mehr gegensteuern. Nicht, weil mir nichts einfiel. Sondern weil ich keinen Fuß mehr auf den Boden bekam. Es kam eine Behauptung nach der anderen.

 

Tack.

Tack.

Tack.

Tack.

Tack.

Tack.

Tack.

 

Während mein Kopf noch versuchte, die erste Aussage einzuordnen, zwischen Tatsache, Verkürzung, Interpretation und Falschbehauptung zu unterscheiden, kam schon die nächste. Und die nächste. Und die nächste.

Ich war sprachlos.

 

Noch vor der Höcke-Nazi-Aussage sprach er, dass er Deutschland verlassen wolle. Und ich ging lange davon aus, dass ich den Grund verstanden hätte. Ich dachte: Er hat Angst vor einer immer stärker werdenden AfD. Vielleicht fürchtet er politische Repressionen, da er selbst von mir gelesen, wie ich auch, zu verfolgten Gruppen gehören könnte. Vielleicht fürchtet er, was aus seinem Leben werden könnte, wenn die AfD tatsächlich die Regierung übernimmt.

 

Ich lag so falsch.

Er wollte nicht auswandern, weil er Angst vor dem Deutschland hatte, das eine starke AfD hervorbringen könnte. Er wollte auswandern, weil dieses Deutschland für ihn nicht mehr das Deutschland ist, in dem es sich lohnt zu leben.

 

Plötzlich war die politische Richtung eindeutig.

Der Wunsch nach einem anderen Land war nicht Ausdruck der Angst vor einem möglichen Rechtsruck. Er war selbst Teil der Ablehnung des gegenwärtigen Deutschlands. Ein Deutschland, das ihm offenbar zu liberal, zu vielfältig, zu offen, zu politisch korrekt, zu was auch immer geworden ist.

 

Hart! Aber mich hat etwas anderes noch viel mehr getroffen.

 

Die Wucht. Und die Zeit, die dahinterstehen muss.

Woher kommt diese ungeheure Menge an Erzählungen? Wie viele Stunden muss ein Mensch damit verbringen, diese Zusammenhänge zu lesen, zu hören, zu verfolgen, zu diskutieren? Wie viel Energie muss darauf verwendet werden, immer neue Belege für das eigene Weltbild zu finden?

 

Ein Gedanke führt zum nächsten. Eine Behauptung bestätigt die andere. Menschen erzählen sich gegenseitig dieselben Geschichten, widersprechen sich vielleicht sogar in Details, aber bestätigen sich im Grundsätzlichen.

 

Und irgendwann entsteht eine eigene Wirklichkeit. Ich sehe diese Person inzwischen manchmal mit anderen Menschen. Sie sitzen zusammen, stehen zusammen, reden miteinander.

 

Und sie reden.

Und reden.

Und reden.

Nicht unbedingt, um etwas herauszufinden.

Sondern um das, was sie längst glauben, immer weiter zu befestigen.

 

Sie überzeugen sich gegenseitig von dem, wovon sie längst überzeugt sind. Sie geben Behauptungen weiter, die dadurch nicht wahrer werden, dass sie immer wieder ausgesprochen werden. Sie tragen sie weiter in die Welt und holen sie von anderen wieder zurück.

 

Ein Kreislauf.

Das hat mich traurig gemacht.

Und es macht mich wütend.

 

Denn was geschieht eigentlich mit der Zeit eines Menschen, wenn ein einziges Weltbild beginnt, immer mehr davon aufzusaugen?

 

Zeit ist nicht unendlich.

Die geistige Energie eines Menschen ist nicht unendlich.

 

Wir haben 2026. Wir stehen vor tatsächlichen Problemen, die unsere ganze Aufmerksamkeit, unsere Kreativität, unsere Intelligenz und unsere Kraft brauchen: Klimakrise. Kriege. soziale Ungleichheit. Demokratie unter Druck. Eine sich verändernde Welt.

 

Und gleichzeitig können Menschen einen erheblichen Teil ihrer geistigen Energie darauf verwenden, immer neue Behauptungen zu sammeln, weiterzugeben und gegenseitig zu bestätigen.

 

Der Schaden daran ist schwer in einer einzigen Zahl auszudrücken. Die verlorene Lebenszeit eines einzelnen Menschen wird in keiner Statistik erfasst. Auch die Stunden, die andere Menschen anschließend damit verbringen müssen, Behauptungen zu prüfen, zu widerlegen und wieder Vertrauen in Fakten herzustellen, tauchen in keiner volkswirtschaftlichen Rechnung auf.

 

Aber wir wissen inzwischen, dass Desinformation kein folgenloses Gesellschaftsspiel ist. Die OECD beschreibt ihre Auswirkungen auf Vertrauen, demokratische Institutionen, gesellschaftlichen Zusammenhalt und politische Entscheidungsprozesse als erheblich. Eine 2026 von UNESCO vorgestellte globale Evidenzübersicht beziffert die gesellschaftlichen Kosten von Desinformation auf geschätzte 355 bis 516 Milliarden US-Dollar jährlich.

 

Und selbst diese Zahl erzählt nur einen Teil der Geschichte.

Denn was nicht in ihr steckt, ist die verlorene Aufmerksamkeit. Die verlorene Lernzeit. Die verlorene Fähigkeit, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen, statt sich immer tiefer in eine selbstbestätigende Erzählung einzugraben. Was nicht darin steckt, ist die Energie, die wir als Gesellschaft aufbringen müssen, um falsche Behauptungen wieder einzufangen. Und erst recht nicht die Schäden, die entstehen können, wenn aus falschen Vorstellungen politische Entscheidungen werden – Entscheidungen über Menschen, über Bildung, über Klima, über Wissenschaft, über unsere gemeinsame Zukunft.

 

Bildung ist dabei vielleicht das Entscheidende.

Denn eine gebildete Gesellschaft besteht nicht daraus, dass jeder Mensch auf jede Behauptung sofort eine Gegenbehauptung parat hat. Sie besteht daraus, dass Menschen gelernt haben, zwischen Wissen und Behauptung zu unterscheiden. Zwischen Quelle und Hörensagen. Zwischen Zweifel und Verschwörung. Zwischen einer unbequemen Wahrheit und einer angenehmen Lüge.

 

Diese Fähigkeit wird immer kostbarer.

Und genau sie wird zerstört, wenn Menschen sich über Jahre daran gewöhnen, nur noch Informationen zu suchen, die das bestätigen, was sie ohnehin glauben.

 

Dann wird aus Information Munition.

Aus Diskussion wird Bestätigung.

Aus Überzeugung wird Gewissheit.

Und aus Gewissheit kann Macht werden.

Das macht mich fassungslos.

 

Ich habe so etwas schon einmal erlebt. Bei einem anderen Menschen. Irgendwann bestand fast jedes Gespräch nur noch aus diesem einen Themenkomplex. Alles führte dorthin zurück. Alles wurde durch dieselbe politische und verschwörungsideologische Brille betrachtet. Irgendwann konnte ich diesen Kontakt nicht mehr aushalten und habe ihn beendet.

 

Vielleicht hat mich deshalb auch meine eigene Sprachlosigkeit so getroffen.

Ich dachte immer, ich könne solchen Erzählungen etwas entgegensetzen. Eine Quelle. Eine Einordnung. Einen Widerspruch. Einen Gegenfakt.

 

Aber gegen eine Maschinengewehrsalve aus Behauptungen hilft nicht immer ein einzelnes Gegenargument. Manchmal steht man einfach da und versucht noch, den letzten Satz zu sortieren, während bereits fünf neue gefallen sind.

 

Wir müssen darüber mehr sprechen.

Nicht nur darüber, was Menschen glauben. Sondern auch darüber, wie viel Zeit und Energie sie darauf verwenden, es zu glauben, zu bestätigen und weiterzutragen.

 

Denn irgendwann geht es nicht mehr nur um einzelne falsche oder unbelegte Behauptungen. Dann geht es um ein geschlossenes System, das sich selbst am Leben erhält.

 

Und irgendwann kann daraus Denunziation werden. Ausgrenzung. Verfolgung. Oder sogar Mittäterschaft – wenn die eigene Überzeugung plötzlich zu einer autoritären Staatsmaschinerie passt und der Mensch aufhört, die Konsequenzen seines Denkens zu hinterfragen.

 

Geschichte zeigt uns, dass es dafür nicht zwingend böse Menschen braucht.

Es braucht Menschen, die überzeugt sind.

Menschen, die glauben, auf der richtigen Seite zu stehen.

Menschen, die ihre eigene Gewissheit irgendwann für wichtiger halten als die Wirklichkeit.

 

Das war mein eigentlicher Schock.

Nicht, dass dieser freundliche Mensch plötzlich anders dachte, als ich vermutet hatte. Sondern dass ich für einen Moment erleben musste, wie mächtig ein Weltbild werden kann.

 

Wie es sich nicht einfach im Kopf eines Menschen befindet, sondern ihn langsam und vollständig besetzen kann.

 

Wie es Zeit frisst.

Aufmerksamkeit frisst.

Neugier frisst.

Zweifel frisst.

 

Wie es sich einnistet.

Wie es sich ausbreitet.

Wie es irgendwann alles erklärt.

 

Das war der Gedanke, der mich am meisten erschüttert hat:

Wie viel von einem Menschen kann ein Gedanke auffressen, bevor nichts anderes mehr übrig bleibt?

 

Bäm.

 

Bäm.

 

Bäm.

 

Bis für alles andere kaum noch Raum bleibt.

 


Und dann sitze ich hier und schreibe. Ich muss zugeben: Ich brenne auch gern. 

Ich bin mit meinen Worten nicht gerade zurückhaltend. Ich bin nicht leise, wenn ich etwas für falsch halte. Ich benenne Dinge. Ich widerspreche. Ich streite. Ich schreibe. Ich verbringe verdammt viel Lebenszeit damit, zu reflektieren und mich einzumischen.

 

Ich brenne für Gerechtigkeit.

Für Freiheit.

Für Demokratie.

Für die Kunst.

Für ein friedvolles Zusammenleben.

 

Ich brenne dafür, dass Menschen gesehen werden. Dass sie nicht klein gemacht werden. Dass niemand aufgrund seiner Herkunft, seiner Liebe, seiner Überzeugung oder seiner Existenz weniger wert sein soll als ein anderer Mensch.

 

Und plötzlich muss ich mich selbst etwas fragen, das ich nicht besonders angenehm finde: Ist das, was ich hier gerade tue, strukturell nicht verdammt ähnlich?

 

Auch ich sammle Argumente. Auch ich suche Quellen. Auch ich spreche mit Menschen, die ähnlich denken wie ich. Auch ich bestätige mich in dem, was ich für richtig halte. Auch ich werde wütend. Auch ich wiederhole meine Überzeugungen. Auch ich verbrauche dafür Zeit. Sehr viel Zeit. Meine Lebenszeit.

 

Nur mit einem entscheidenden Unterschied? „Ich glaube, für das Richtige zu brennen.“ Aber was, wenn dieses Gefühl allein nichts beweist?

 

Was, wenn Richtig und Falsch irgendwann ihre Bedeutung verlieren, sobald wir nur noch danach urteilen, wie sehr wir selbst von etwas überzeugt sind und beurteilen wie viele wir damit erreichen? Macht es meine Aussagen wahrer, wenn sie nur genug glauben? Macht es das auch mit der mir gegenüberstehenden Aussage?

 

Was, wenn das Brennen selbst mich blind macht?

Dann bleibt eine Frage, die ich nicht einfach wegschieben kann:

Wenn Richtig und Falsch ihre Bedeutung verlieren – wofür brenne ich dann?

 

Eine unbequeme Form von Selbstkritik. Nicht weniger zu brennen. Sondern immer wieder zu prüfen, wofür. Und warum brenne ich.

 

Vielleicht besteht nur ein einziger Unterschied zwischen allen die für etwas brennen: ob man bereit ist, sich von der Wirklichkeit löschen zu lassen.


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