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WARUM KLINGT DRESDEN RUSSISCH

  • Autorenbild: Alexander  Kästel
    Alexander Kästel
  • 9. Aug.
  • 14 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 12. Aug.

Eine Spurensuche zwischen Barock, KGB und Gegenwart

 

Wer zum ersten Mal nach Dresden kommt, denkt an die Frauenkirche, den Zwinger oder die Semperoper. Mich beschäftigt seit Jahren etwas anderes. Russisch.


Ich habe die Sprache selbst ab der fünften Klasse gelernt. Lesen kann ich sie bis heute. Vieles ist verblasst, aber nicht wenige Wörter und Redewendungen sind geblieben. Vielleicht hörte ich deshalb genauer hin.


Surreale blaue Ansicht einer orthodoxen Kirche mit Kuppeln, halb verdeckt von Ästen.
Die Russisch-Orthodoxe Kirche des Heiligen Simeon vom wunderbaren Berge ||| Ort: Dresden | Bildnummer: FUJI7075

 

Während meiner Langzeitarbeit an MUTTERLAND, für die ich zwischen 2023 und 2026 immer wieder nach Dresden reiste, wurde aus dieser Selbstverständlichkeit eine historische Frage. Warum ausgerechnet Dresden?

 

Lange vor dem völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gehörte die Sprache zum Alltag der Stadt. In Hotels, Juweliergeschäften und Restaurants war sie selbstverständlich. Russische Tourist*innen zählten zu den kaufkräftigsten Gästen Dresdens. Nach dem 24. Februar 2022 änderte sich das schlagartig. Der russische Tourismus brach um 94 Prozent ein. Mit ihm verstummte auch ein bis dahin gewohntes Klangbild der Stadt.

 

Mich ließ diese Beobachtung nie los. Warum ausgerechnet Dresden? Warum hörte man hier so viel häufiger Russisch als in München, Berlin oder Frankfurt?

Die naheliegende Antwort lautet: wegen Wladimir Putin. Doch sie greift zu kurz.

Wer verstehen will, warum Dresden über Jahrhunderte eine besondere Beziehung zu Russland entwickelte, muss viel weiter zurückgehen. Lange bevor Putin als KGB-Offizier in der Angelikastraße arbeitete. Lange bevor sowjetische Soldaten das Stadtbild prägten. Und lange bevor russische Tourist*innen die Altstadt bevölkerten.

 

Während meiner Arbeit an MUTTERLAND wohnte ich nur wenige Schritte von der heutigen Gedenkstätte Bautzner Straße entfernt. Fast täglich führte mich mein Weg zu Fuß oder mit der Straßenbahn an dem ehemaligen Sitz der Staatssicherheit und der KGB-Residentur vorbei. Geschichte war plötzlich keine Fußnote mehr. Sie lag auf meinem täglichen Weg.

 

Seit dem Mord an dem russischen Oppositionspolitiker Alexej Nawalny stehen an der Mauer der Gedenkstätte täglich frische Blumen. Nachts brennen Kerzen. Der Ort erinnert längst nicht mehr nur an die Diktatur der DDR. Er ist auch zu einem stillen Erinnerungsort für den Widerstand gegen das heutige autoritäre Russland geworden. Gerade diese Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart zog mich noch mehr in ihren Bann. Aus einer vertrauten Beobachtung wurde jetzt eine historische Frage:

Warum ausgerechnet Dresden?


Die Geschichte beginnt nicht mit einem Geheimdienstoffizier.

Sie beginnt vor mehr als dreihundert Jahren.

 

Nicht, um Russlands Gegenwart zu erklären oder gar zu entschuldigen. Der Angriffskrieg gegen die Ukraine hat unermessliches Leid verursacht und eine jahrhundertealte Beziehung tief erschüttert. Geschichte darf solche Verbrechen weder relativieren noch rechtfertigen. Sie kann nur helfen zu verstehen, warum ausgerechnet Dresden und Russland über so viele Generationen eng miteinander verbunden waren und noch sind.

 

Der Blick nach Osten

Die Geschichte beginnt nicht mit Wladimir Putin.

Sie beginnt auch nicht mit der Sowjetunion.

Sie beginnt im Jahr 1698.

 

In der heute ukrainischen Stadt Rawa Ruska begegnen sich zwei junge Herrscher: der russische Zar Peter und der sächsische Kurfürst August, der später als August der Starke in die Geschichte eingehen wird. Beide sind ehrgeizig, beide wollen ihre Reiche ausbauen und beide suchen Verbündete gegen Schweden. Aus dieser Begegnung entsteht ein Bündnis, das wenig später im Vertrag von Thorn besiegelt wird und den Auftakt zum Großen Nordischen Krieg bildet.

 

Für Sachsen endet dieser Krieg anders als erhofft. Russland geht als neue Großmacht aus ihm hervor. August bleibt zwar Kurfürst und König von Polen, doch das politische Gewicht verschiebt sich zunehmend nach Osten. Viel wichtiger als der Krieg selbst ist jedoch etwas anderes.

 

Mit ihm beginnt eine jahrhundertelange Beziehung zwischen Sachsen und Russland. Aus einer politischen Allianz entwickelt sich ein kultureller Austausch, der Dresden nachhaltig prägen wird. Russische Diplomaten kommen an den sächsischen Hof. Künstler*innen, Kaufleute und Adelige reisen zwischen St. Petersburg und Dresden. Über Generationen entsteht ein enges Netz aus persönlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Verbindungen.

 

Wer diese Geschichte erzählt, darf sie jedoch nicht romantisieren. Die enge Verbindung zwischen beiden Ländern gehört zur Vergangenheit. Sie erklärt historische Entwicklungen, aber sie erklärt nicht den russischen Angriff auf die Ukraine. Dieser Krieg steht für imperiales Denken und einen eklatanten Bruch des Völkerrechts. Gerade deshalb lohnt sich der Blick zurück. Nicht um Verständnis für den Krieg zu wecken, sondern um zu verstehen, warum seine Folgen in Dresden bis heute anders wahrgenommen werden als anderswo.

 

Als Russland Teil der Stadt wurde

Wer heute durch Dresden läuft, begegnet Russland häufiger, als ihm vielleicht bewusst ist. Die goldenen Kuppeln der Russisch-Orthodoxen Kirche. Russische Grabsteine auf alten Friedhöfen. Die Erinnerung an Putins Jahre in der Angelikastraße. Blumen für Alexej Nawalny. Es sind keine großen Denkmäler.

Es sind Spuren.

 

Sie erzählen von einer Geschichte, die älter ist als die DDR, älter als die Sowjetunion und älter als Wladimir Putin.

 

Politische Bündnisse kommen und gehen.

Kultur bleibt.

 

Während sich Europa immer wieder veränderte, wuchsen die Beziehungen zwischen Sachsen und Russland weit über die Diplomatie hinaus. Dresden entwickelte sich zu einem Ort, an dem russische Geschichte sichtbar wurde. Nicht auf den Schlachtfeldern, sondern in den Straßen, Kirchen und Palais der Stadt.

 

Im 19. Jahrhundert entstand mit der Russisch-Orthodoxen Kirche eines der bis heute eindrucksvollsten Zeugnisse dieser Verbindung. Mit ihren goldenen Kuppeln wirkt sie fast wie ein Stück St. Petersburg mitten in Dresden. Sie entstand für russische Diplomaten, Adelige und Reisende, die sich längst in der Stadt bewegten. Noch heute erinnert sie daran, dass Russland in Dresden nie nur Gast war.

 

Auch russische Künstler und Schriftsteller zog es immer wieder nach Sachsen. Fjodor Dostojewski hielt sich mehrfach in Dresden auf und schrieb hier an seinem Roman „Der Idiot“. Seine Frau Anna beschrieb Dresden als eine Stadt, in der sie sich beinahe zuhause fühlten. Die Ruhe der Elbe, die Kunstsammlungen und das kulturelle Leben machten Dresden für viele russische Intellektuelle zu einem Sehnsuchtsort.

 

Diese Geschichte erzählt von Neugier und Austausch. Sie erzählt aber auch von einer besonderen Offenheit Dresdens gegenüber Russland. Über Generationen entstand ein Bild Russlands, das vor allem von Literatur, Musik, Kunst und persönlichen Begegnungen geprägt war. Heute wirkt diese Geschichte widersprüchlich.

 

Denn die kulturellen Leistungen Russlands bleiben unbestritten. Gleichzeitig führt das Regime Wladimir Putins einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine und zerstört genau jene Werte, die Russland einst selbst mit hervorgebracht hat. Wer heute an Russland denkt, denkt deshalb nicht nur an Tschaikowski oder Dostojewski.

Er denkt auch an Charkiw, Mariupol und Butscha.

 

Der lange Schatten der Sowjetunion

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs veränderte sich die Beziehung zwischen Dresden und Russland grundlegend. Aus kultureller Nähe wurde politische Wirklichkeit.

 

Aus dem Russischen Reich wurde die Sowjetunion. Aus dem einstigen Verbündeten wurde eine Besatzungsmacht. Dresden lag fortan in der Sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR. Die Geschichte der Stadt wurde nun nicht mehr nur von Begegnungen geprägt, sondern auch von Macht.

 

Über Jahrzehnte gehörten sowjetische Soldaten zum Stadtbild. Tausende von ihnen waren mit ihren Familien in und um Dresden stationiert. Ganze Wohngebiete, Kasernen und militärische Sperrgebiete entstanden. Für viele Dresdner*innen war Russisch keine Fremdsprache mehr, sondern Teil des Alltags.

 

Auch in den Schulen war Russisch allgegenwärtig. Generationen von Kindern lernten die Sprache als erste Fremdsprache. Städtepartnerschaften, Schüleraustausche und staatlich organisierte Freundschaften mit der Sowjetunion sollten die enge Verbundenheit bekräftigen. Für manche bedeutete das echte Begegnungen. Für andere war es Teil eines politischen Systems, das Nähe verordnete.

 

Bis heute prägt diese Erfahrung viele Biografien.

Wer in Westdeutschland aufwuchs, verband Russland häufig mit der großen Politik des Kalten Krieges. Wer in der DDR lebte, verband Russland oft mit Menschen. Mit Nachbar*innen, Lehrer*innen, Soldaten oder Arbeitskolleg*innen. Diese persönlichen Erfahrungen waren widersprüchlich. Sie reichten von Freundschaften bis zu Erinnerungen an Kontrolle, Überwachung. Den Schutz, gleichzeitig aber auch den Verlust von Freiheit.

 

Gerade deshalb unterscheiden sich die Erinnerungen bis heute.

 

Manche erzählen von Gastfreundschaft und kulturellem Austausch. Andere erinnern sich an die allgegenwärtige Macht eines Staates, der Opposition unterdrückte und die DDR politisch und militärisch kontrollierte. Beide Erfahrungen gehören zur selben Geschichte.

 

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion schien dieses Kapitel abgeschlossen. Doch Dresden sollte Russland nicht loslassen.

 

Nur wenige Jahre später rückte die Stadt erneut in den Mittelpunkt einer Geschichte, deren Folgen bis heute spürbar sind.

 

Diesmal ging es nicht um Armeen.

Es ging um einen unscheinbaren Geheimdienstoffizier, der in einer Villa in der Angelikastraße arbeitete und dessen Name damals kaum jemand kannte.

Wladimir Putin.

 

Der Mann aus der Angelikastraße

Als Wladimir Putin 1985 nach Dresden kam, war er kein Staatspräsident.

Er war ein junger KGB-Offizier.

 

Sein Arbeitsplatz lag in einer unscheinbaren Villa in der Angelikastraße. Offiziell koordinierte der sowjetische Geheimdienst von hier aus die Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit der DDR. Tatsächlich war Dresden einer der wichtigsten Standorte des KGB außerhalb der Sowjetunion.

 

Fünf Jahre lang lebte Putin in der Stadt. Er kaufte ein, fuhr Straßenbahn, sprach mit Nachbar*innen und führte ein Leben, das nach außen kaum auffiel. Gleichzeitig arbeitete er für einen Geheimdienst, dessen Aufgabe es war, Informationen zu beschaffen, Einfluss zu sichern und jede Form von Opposition im Blick zu behalten.

 

Dann kam der Herbst 1989.

Während in Leipzig Hunderttausende auf die Straße gingen und die Berliner Mauer fiel, erreichte die Friedliche Revolution auch Dresden. Demonstrierende versammelten sich vor Gebäuden der Staatssicherheit und schließlich auch vor der KGB-Dienststelle.

 

Später erzählte Putin, er sei den Demonstrierenden entgegengetreten und habe erklärt, das Gebäude werde von bewaffneten sowjetischen Soldaten verteidigt. In späteren Darstellungen wurde daraus die Geschichte eines KGB-Offiziers, der mit gezogener Pistole allein eine aufgebrachte Menschenmenge gestoppt habe. Historiker*innen bezweifeln jedoch, dass sich die Ereignisse tatsächlich so abgespielt haben. Wahrscheinlich ist, dass bewaffnete sowjetische Soldaten das Gelände sicherten und die Erinnerungen im Laufe der Jahre überhöht wurden. Unstrittig ist dagegen etwas anderes: Putin wartete in dieser Nacht vergeblich auf Befehle aus Moskau. Später bezeichnete er dieses Erlebnis als einen Moment, in dem ihm bewusst wurde, dass der sowjetische Staat seine Handlungsfähigkeit verloren hatte.

 

Dresden ist Teil seiner Biografie.

Es ist die Stadt, in der Putin den Zerfall der Sowjetunion nicht aus der Ferne beobachtete, sondern unmittelbar erlebte. Eine Stadt, die für ihn zum Symbol des Kontrollverlustes wurde.

 

Heute ist diese Geschichte kaum noch sichtbar. Die Villa in der Angelikastraße steht noch immer. Die Gedenkstätte Bautzner Straße. Sie erinnert nicht nur an die Vergangenheit einer Stadt. Sie erinnert auch daran, dass Geschichte manchmal an Orten beginnt, die von außen völlig unscheinbar wirken.


Als Russisch zur Alltagssprache wurde

Als die Sowjetunion zerfiel, endete eine Epoche. Doch die Verbindung zwischen Dresden und Russland verschwand nicht. Sie veränderte nur ihre Gestalt.

 

Seit den 1990er Jahren kamen viele Menschen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Unter ihnen waren jüdische Kontingentflüchtlinge, die nach Jahrzehnten der Verfolgung hier eine neue Heimat fanden. Auch nach Dresden kamen jüdische Familien und Einzelpersonen, viele von ihnen russischsprachig. Sie brachten ihre Sprache, ihre Erinnerungen und ihre eigenen Geschichten mit und ließen jüdisches Leben in der Stadt, das durch die Verbrechen des NS-Regimes und die Beteiligung deutscher und Dresdner Nationalsozialisten an der Shoa nahezu vollständig zerstört worden war, neu wachsen.

 

Russisch wurde für viele von ihnen zu einer gemeinsamen Sprache, eine Sprache der Herkunft, der Erinnerung und des Alltags. Dass sie heute in Dresden zu hören ist, erzählt deshalb nicht von einer politischen Nähe zu Russland. Es erzählt von einem Neuanfang. Von Menschen, denen Deutschland nach dem Ende der Sowjetunion die Möglichkeit gab, hier wieder Heimat zu finden. Und vielleicht auch davon, dass eine Stadt, die einst jüdisches Leben zerstörte, Jahrzehnte später wieder jüdische Stimmen hören konnte, auf Deutsch, auf Russisch und in vielen anderen Sprachen.

 

Gleichzeitig entdeckten immer mehr russische Tourist*innen Dresden für sich.

Die barocke Altstadt, die Semperoper, die Gemäldegalerie Alte Meister und die Nähe zu Prag machten die Stadt zu einem beliebten Reiseziel. Russische Reisegruppen gehörten bald selbstverständlich zum Straßenbild. Luxushotels stellten russischsprachiges Personal ein. In Juweliergeschäften, Restaurants und exklusiven Boutiquen wurde Russisch gesprochen. Wer dort arbeitete, hatte mit dieser Sprache oft bessere Chancen als mit Englisch.

 

Ich erinnere mich.

Wer durch die Altstadt ging, hörte Russisch überall. Auf den Terrassen der Cafés. In den Schlangen vor den Museen. Beim Einkaufen auf der Prager Straße. Es gehörte einfach zu Dresden.

 

Damals wirkte das fast selbstverständlich.

Heute wirkt es wie eine Erinnerung aus einer anderen Zeit.

 

Mit dem völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 änderte sich dieses Bild innerhalb weniger Monate. Sanktionen, ausbleibende Flugverbindungen und der Zusammenbruch des russischen Tourismus ließen die Besucher*innenzahlen dramatisch einbrechen. Was über Jahrzehnte selbstverständlich gewesen war, verschwand beinahe über Nacht.

 

Doch die Geschichte endet nicht mit leeren Hotelzimmern.

Sie wirft eine andere Frage auf.

 

Wenn Russland über Generationen so sichtbar zum Alltag Dresdens gehörte, hat diese Nähe vielleicht auch Spuren im Denken hinterlassen?

 

Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht.

Geschichte wirkt selten geradlinig. Sie hinterlässt Erinnerungen, Erfahrungen und Haltungen. Manche verbinden Russland bis heute mit Literatur, Musik oder persönlichen Begegnungen. Andere denken an Unterdrückung, Geheimdienste und heute an den Krieg gegen die Ukraine.

 

Wahrscheinlich gehört beides zu Dresden.

Das war der Grund für mich, genauer hinzusehen.


Geschichte wählt keine Parteien

Wer sich mit der Geschichte Dresdens beschäftigt, stößt irgendwann auf eine unbequeme Frage. Warum wird Russland in Sachsen oft anders wahrgenommen als in vielen Regionen Westdeutschlands?

 

Spätestens seit dem russischen Angriff auf die Ukraine fällt auf, dass die Debatten häufig anders verlaufen. Manche Demonstrationen fordern ein Ende der Waffenlieferungen. Andere sprechen von einer besonderen Verantwortung gegenüber Russland. Gleichzeitig erzielt die AfD gerade in Sachsen überdurchschnittliche Wahlergebnisse und vertritt in Teilen Positionen, die Russland deutlich weniger kritisch begegnen als die anderer Parteien.

 

Liegt das an der Geschichte?

So einfach ist es leider auch nicht.

 

Politikwissenschaftler*innen weisen seit Jahren darauf hin, dass sich politische Einstellungen niemals auf einen einzelnen Grund zurückführen lassen. Geschichte ist nur einer von vielen Faktoren. Hinzu kommen die Erfahrungen der Wiedervereinigung, wirtschaftliche Umbrüche, ein tiefes Misstrauen gegenüber politischen Institutionen, unterschiedliche Mediennutzung und das Gefühl vieler Menschen, mit ihren Sorgen nicht ausreichend gehört zu werden.

 

Trotzdem wäre es ebenso falsch, Geschichte völlig auszublenden.

 

Wer über Generationen Russisch lernte, sowjetische Nachbar*innen hatte, russische Literatur las oder mit russischen Tourist*innen arbeitete, entwickelt zwangsläufig andere Bilder als jemand, dessen einzige Berührung mit Russland aus den Nachrichten stammt.

 

Diese Erinnerungen verschwinden nicht von heute auf morgen. Doch sie geraten seit dem 24. Februar 2022 in einen schmerzhaften Konflikt mit der Gegenwart.

 

Russland ist heute nicht mehr das Land, das viele mit Dostojewski, Tschaikowski oder den Sommern an der Ostsee verbinden. Russland führt einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Städte werden zerstört, Zivilist*innen getötet und Millionen Menschen zur Flucht gezwungen. Dieser Krieg verändert auch den Blick auf die gemeinsame Geschichte.

 

Gerade deshalb halte ich historische Zusammenhänge für so wichtig.

Weil sie sichtbar machen, dass Geschichte nachwirkt. Manchmal in Gebäuden. Manchmal in Biografien. Manchmal auch in den Fragen, die sich eine Gesellschaft stellt.

 

Geschichte darf weder verdrängt noch romantisiert werden. Sie muss ausgehalten werden. Mit all ihren Widersprüchen.

 

Wer verstehen will, warum Dresden anders über Russland spricht als viele andere Städte, muss bereit sein, diese Widersprüche auszuhalten. Verstehen bedeutet dabei niemals Zustimmung.

 

Was bleibt?

Als ich begann, mich mit dieser Geschichte zu beschäftigen, wollte ich eigentlich nur eine einfache Frage beantworten.

 

Warum hörte man in Dresden so oft Russisch? Heute weiß ich, dass es auf diese Frage keine einfache Antwort gibt.

 

Sie führt zu Peter dem Großen und August dem Starken. Zu Künstler*innen und Diplomat*innen. Zu einer Kirche mit goldenen Kuppeln. Zu sowjetischen Kasernen. Zu einem KGB-Offizier in der Angelikastraße. Zu Menschen, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Dresden eine neue Heimat fanden. Und schließlich zu einem Krieg, der Europa verändert hat.

 

Jede dieser Geschichten erzählt einen Teil der Wahrheit. Keine erzählt sie vollständig. Geschichte verläuft nicht geradlinig. Sie bleibt in Gebäuden, in Familiengeschichten und manchmal sogar im Klang einer Stadt.

 

Wer heute aufmerksam durch Dresden geht, hört noch Russisch, aber eben viel weniger als noch vor wenigen Jahren. Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat nicht nur Städte zerstört, Menschen getötet und ermordet, Millionen Menschen zur Flucht gezwungen. Er hat auch Vertrauen zerstört. Beziehungen, die über Generationen gewachsen waren, sind zerbrochen oder stehen unter einem neuen Vorzeichen.


Während ich diesen Text schrieb, dachte ich auch an Galja. Seit meiner Kindheit gehörte ihre Familie zu meinem Leben. Meine Mutter führte seit ihrer Kindheit bis heute eine Brieffreundschaft mit ihr. Immer wieder kamen als Antwort auf Pakete, auch Pakete aus der damaligen Sowjetunion. Darin unter anderem russisches Konfekt, das ich als Kind furchtbar fand, Briefmarken mit sonderbar fremden Motiven und diese geheimnisvollen kyrillischen Buchstaben. Für mich war das wie eine andere Welt.

 

Galja lebt in der Ukraine.

Ihr Mann Serjoscha ist inzwischen verstorben. Ihre Tochter Ksenia hat das Land verlassen. Galja ist geblieben. Obwohl Ksenia sie zu sich holen wollte. Obwohl auch meine Schwester ihr angeboten hat, nach Deutschland zu kommen. Sie möchte ihren Mann nicht zurücklassen. Sein Grab ist dort. Ihre Erinnerungen sind dort. Ihre Heimat ist dort.

 

Sie bestellt ihren Garten allein. Baut Gemüse an, pflückt Obst und bereitet alles für den Winter vor. Nachts ist sie wach und hört die Raketen über ihr Haus fliegen. Trotzdem will sie nicht gehen.

 

Wenn ich heute an Russland denke, denke ich deshalb nicht zuerst an Politik. Ich denke an Galja. An Serjoscha. An Ksenia. An Menschen, deren Leben durch einen Krieg auseinandergerissen wurde, den Russland begonnen hat. Wenn ich heute an Russland denke, denke ich deshalb nicht zuerst an Politik. Ich denke an Menschen.


Eine weitere Erinnerung.

Russische Soldaten halfen bei der Ernte. Ich weiß nicht einmal mehr genau, was sie auf dem Feld sammelten. Vielleicht Rosenkohl. Mit Mistgabeln stapelten sie das Gemüse hinter der Scheune zu einem großen Haufen. Ich spielte irgendwo dazwischen. Ich war ein Kind.

 

Dann geschah es.

Ein Soldat bemerkte mich nicht.

Die Zinken seiner Mistgabel

bohrten sich durch meinen Fuß hindurch.

 

Die Narbe trage ich bis heute.

An vieles erinnere ich mich nicht mehr.

Nicht daran, ob ich geweint habe. Nicht daran, ob es geblutet hat.

Nicht daran, was der Soldat sagte.

Nur noch an die Narbe.

 

Geschichte besteht nicht aus Völkern. Geschichte besteht aus Menschen.

 

Ich bin in der DDR aufgewachsen. Russland gehörte selbstverständlich zu meinem Weltbild. Die Sprache. Die Geschichten. Die Freundschaften. Die Bilder, die uns vermittelt wurden. Vielleicht erklärt das auch, warum ich heute genauer hinschaue. Gerade weil ich gelernt habe, Russland zu mögen, fällt es mir leicht, das heutige Regime Wladimir Putins entschieden abzulehnen. Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen die Ukraine ist durch nichts zu rechtfertigen. Wer Geschichte ernst nimmt, darf über dieses Unrecht nicht schweigen.

 

Ich habe diesen Text geschrieben, weil ich verstehen wollte, warum Dresden russisch klingt. Beantwortet habe ich dabei vor allem eine andere Frage: Wie Geschichte in uns weiterlebt. Verstehen bedeutet nicht zustimmen.

Gerade in Zeiten des Krieges bedeutet Verstehen etwas anderes.


Es bedeutet, Geschichte ernst zu nehmen.

Damit sie sich nicht wiederholt.

 

In einer Stadt, die über Jahrhunderte nach Osten blickte, ohne zu wissen, dass dieser Blick eines Tages so schmerzhaft werden würde. 

 

Persönliche Notiz

 

Ich möchte diesen Text nicht beenden,

ohne zu sagen, wo ich selbst stehe.

 

Nein.

Nein zu diesem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Nein zu einer Politik, die Grenzen mit Gewalt verschiebt, die Souveränität anderer Staaten missachtet und Expansion, Territorium und Macht über das Leben von Menschen stellt. Russland führt diesen Krieg nicht gegen eine abstrakte Landkarte. Es führt ihn gegen Menschen. Gegen Städte, Familien, Kinder, gegen eine Gesellschaft, die über ihre eigene Zukunft entscheiden will. Die internationale Staatengemeinschaft hat den russischen Angriff wiederholt als Verstoß gegen die Grundsätze der UN-Charta verurteilt.

 

Und nein zu dem Russland,

das seine eigenen Menschen unterdrückt.

 

Besonders unerträglich ist für mich der Umgang mit lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans und inter Menschen. Der russische Staat hat die sogenannte „internationale LGBT-Bewegung“ als extremistisch eingestuft und damit ein Klima geschaffen, in dem Menschen wegen ihrer Identität, ihrer Sichtbarkeit oder ihrer Solidarität verfolgt werden können. 2026 wurden weitere LGBTQIA+ Organisationen als extremistisch verboten. Das ist keine abstrakte politische Auseinandersetzung. Es geht um Menschenrechte. Um die Freiheit, zu lieben, zu leben und sichtbar zu sein.

 

Und deshalb sage ich auch

Nein zum Rechtsruck.

 

Nein zu einem Erstarken rechtsradikaler und rechtsextremer Kräfte in Sachsen, im Osten Deutschlands und in unserem ganzen Land. Nein zu einer AfD, die politische Vorstellungen vertritt, die ich mit meiner Vorstellung von einer offenen, freien und demokratischen Gesellschaft nicht vereinbaren kann.

 

Ich meine damit nicht nur ihre Haltung zu Migration oder zu Europa. Ich meine auch ihre politische Nähe zu Positionen, die Russland wieder zum Partner machen wollen, als ließe sich die Geschichte des vergangenen Jahrzehnts einfach zurückdrehen. Die AfD fordert die Aufhebung der Sanktionen gegen Russland und die Wiederinbetriebnahme der Nord-Stream-Leitungen. AfD-Politiker werben zugleich offen dafür, wieder russisches Öl und Gas zu beziehen.

 

Ich sage dazu: Nein.

Nicht, weil ich Russland aus meiner Geschichte streichen möchte.

 

Im Gegenteil.

Russland war da. Die russische Sprache war da. Russische Literatur, Musik, Bilder und Geschichten waren da. Freundschaften waren da. Briefe waren da. Menschen waren da. Und genau deshalb weigere ich mich, Russland auf Putin zu reduzieren, genauso wie ich mich weigere, die russische Sprache, russische Menschen oder russische Kultur für die Verbrechen eines Staates verantwortlich zu machen.

 

Aber ebenso wenig werde ich die Verbrechen dieses Staates beschönigen, nur weil mir seine Kultur vertraut ist.

 

Ich möchte in Dresden frei leben.

Ich möchte keine Angst davor haben, wer ich bin, wen ich liebe, wie ich aussehe, welche Sprache ich spreche oder welche Haltung ich vertrete. Ich möchte nicht angegriffen werden. Nicht körperlich. Nicht verbal. Nicht politisch. Nicht, weil ich anders bin.

Und ich möchte,

dass das für alle gilt.

 

Für Menschen, die hier geboren wurden. Für Menschen, die hierhergekommen sind. Für Menschen mit deutscher, russischer, ukrainischer, jüdischer, polnischer, syrischer oder jeder anderen Geschichte. Für Menschen, die glauben, und für Menschen, die nicht glauben. Für heterosexuelle Menschen und für queere Menschen. Für diejenigen, die dieselbe Meinung haben wie ich und für diejenigen, die mir widersprechen.

 

Ich möchte eine Stadt erleben,

in der wir einander nicht fürchten müssen.

Das ist die eigentliche Verbindung,

die ich in Dresden suche.

 

Nicht die Verbindung zwischen Deutschland und Russland. Sondern die Verbindung zwischen Menschen. Eine Verbindung, die nur funktioniert, wenn Freiheit, Menschenrechte und die Würde des Einzelnen nicht verhandelbar sind.

 

Deshalb ist meine Haltung zu diesem Essay keine Abrechnung mit Russland. Sie ist eine Absage an Gewalt, Unterdrückung, Expansion und Menschenfeindlichkeit. Ganz gleich, von welchem Staat, welcher Partei oder welcher Ideologie sie ausgehen.

 

Und ein Bekenntnis zu dem Dresden, das es sein sollte:

 

frei.

offen.

friedlich.

für alle.



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1 Kommentar

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sabine.a.kaestel
09. Aug.
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Ich wünsche mir, dass es viele lesen und auf sich wirken lassen. Es ist lang aber lohnenswert, nicht nur für die jenigen, die sich ähnliche Fragen stellen. Es könnte helfen zu verstehen.

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Seine Pronomen: er/ihn

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