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SPÄT NACHTS

Autorenbild: Alexander  Kästel
Alexander Kästel
6. Jan. 2021
2 Min. Lesezeit

Jetzt ruhn auch schon die letzten Großstadthäuser

Im Tanzpalast ist die Musik verstummt

Bis auf den Boy, der einen Schlager summt.

Und hinter Schenkentüren wird es leiser


Es schläft der Lärm der Autos und Maschinen,

Und blasse Kinder träumen still vom Glück.

Ein Ehepaar kehrt stumm vom Fest zurück,

Die dürren Schatten zittern auf Gardinen.


Ein Omnibus durchrattert tote Straßen.

Auf kalter Parkbank schnarcht ein Vagabund.

Durch dunkle Tore irrt ein fremder Hund

Und weint um Menschen, die ihn blind vergaßen.


In schwarzen Fetzen hängt die Nacht zerrissen,

Und wer ein Bett hat, ging schon längst zur Ruh.

Jetzt fallen selbst dem Mond die Augen zu …

Nur Kranke stöhnen wach in ihren Kissen.


Es ist so still, als könnte nichts geschehen.

Jetzt schweigt des Tages Lied vom Kampf ums Brot.

– Nur irgendwo geht einer in den Tod.

Und morgen wird es in der Zeitung stehen … - Mascha Kaléko -

1933

Nachts in Mannheim, der Himmel ist schwarz. Aufblickend ein Haus mit großen hellen Fenstern. Wie ein Wolkenkratzer.

Anmerkung: “Drum lest mit Maß, doch lest genug, Dann wird's euch wohl ergehen. Bloß Bücher fressen macht nicht klug. Man muss sie auch verstehen.” (M.Kaléko)




Kalékos „Spät nachts“ lässt sich heute als Bild einer Gesellschaft lesen, die nach außen ruhig wirkt, während sich unter der Oberfläche Verschiebungen vollziehen.

Die beschriebenen Randfiguren – der Vagabund, das vergessene Tier, die Kranken – stehen für Menschen, die auch heute leicht aus dem gesellschaftlichen Blick fallen. Genau hier berührt das Gedicht unsere Gegenwart: Wo Menschen sich dauerhaft übersehen oder nicht gehört fühlen, entstehen Spannungen, die politisch anschlussfähig werden.


Vor diesem Hintergrund lässt sich auch das Erstarken rechter und rechtspopulistischer Strömungen verstehen: nicht als plötzlicher Bruch, sondern als Prozess, der in solchen Leerstellen ansetzt. Kalékos Motiv des „blind Vergessenen“ verweist auf diese Dynamik des Nicht-Sehens.

Die Schlusszeile über den Tod, der nur noch zur Zeitungsmeldung wird, wirkt heute wie ein Kommentar zur Medienrealität: Ereignisse erscheinen isoliert und schnell, während ihre tieferen Ursachen oft unsichtbar bleiben.

So wird das Gedicht zu einer Warnung vor dem schleichenden Verlust von Aufmerksamkeit füreinander – lange bevor sich gesellschaftliche Spannungen offen zeigen.

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Paul Fischer
Paul Fischer
05. Aug. 2024
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Einsame Spitze!

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Alexander Kästel selbst mit blauen Haaren.

Foto: Stefan Hillebrand

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Vielen Dank!

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Alexander Kästel arbeite u.a. mit FUJIFILM GFX100II, Hasselblad X2D und Canon R5 und Infrarotkameras, er ist CPS Platinmitglied, sowie im Vorstand des Künstlerbund Rhein-Neckar e.V.

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