DIE FLÖTENSPIELERIN
- Alexander Kästel

- vor 5 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Die Flötenspielerin in den Lauerschen Gärten begleitet mich seit Jahren auf meinen Wegen durch die Mannheimer Innenstadt. Die Bronzeplastik von Hermann Geibel, geschaffen im 20. Jahrhundert, zeigt eine idealisierte junge Figur, deren konzentrierte Haltung – Hände, Instrument, gesenktes Haupt – ein stilles Moment musikalischer Versenkung darstellt. Geibels Formensprache, geprägt von klassischer Ausbildung und einer klaren Linienführung, macht die Skulptur zu einem Werk, das gleichermaßen Ruhe wie Strenge ausstrahlt. Genau diese Mischung macht sie für mich fotografisch so interessant.

Da ich fast täglich an ihr vorbeikomme, hat sich ein langjähriger visueller Dialog entwickelt. Die Skulptur steht fest im Raum, doch ihr Erscheinungsbild ist in permanenter Transformation. Nicht nur durch städtische Interventionen – Tags, zufällige Accessoires, kleine Spuren des Alltags –, sondern vor allem durch meteorologische, saisonale und atmosphärische Veränderungen. Licht, Feuchtigkeit, Temperatur und der fortschreitende Oxidationsprozess erzeugen an der Oberfläche neue Strukturen, die sich fotografisch präzise untersuchen lassen. Besonders die Hände sind für mich der zentrale Fixpunkt. Sie tragen die Spuren der Witterung am stärksten und bilden zugleich das kompositorische Herzstück des Werkes.
Meine fotografische Annäherung erfolgt dabei stets über eine zeitlich-räumliche Technik: wiederkehrende Beobachtung, minimale Distanz, wechselnde Tageszeiten und bewusst reduzierte Schärfentiefe. Dadurch entsteht ein serielles Arbeiten, das den Zustand der Skulptur nicht als statischen Gegenstand, sondern als variables Objekt im urbanen Kontext versteht. Jede Aufnahme ist eine Art Messpunkt innerhalb dieses Prozesses. Die Bildgestaltung konzentriert sich auf Feinheiten der Oberfläche – Korrosion, Mikrokanten, Glanzpunkte –, die unter bestimmten Lichtlagen nur für kurze Zeit sichtbar sind. So entsteht nicht die Suche nach „dem einen Bild“, sondern nach einer präzisen Variation, einer Verdichtung der alltäglichen Veränderung.
Für mich ist diese Praxis exemplarisch für meine Arbeitsweise insgesamt. Ein Motiv bleibt nicht gleich, nur weil es die gleiche Form besitzt. Die Fotografie macht sichtbar, wie sich Zeit in Material einschreibt. Die Flötenspielerin funktioniert für mich wie ein Labor für Wahrnehmung: ein Objekt, das in seiner Beständigkeit zugleich immer wieder neue fotografische Bedingungen erzeugt. Dass ich sie unzählige Male fotografiert habe, ist keine Wiederholung, sondern eine fortlaufende Untersuchung.
Auch dieses Bild steht in dieser Tradition. Es ist nicht abschließend – und soll es auch nicht sein. Aber es markiert einen Punkt, an dem Form, Licht, Material und mein eigener Blick in einer Weise zusammenkommen, die eine Veröffentlichung sinnvoll macht. Die Arbeit an diesem Motiv geht weiter. Doch dieses Bild ist ein gültiger Zwischenstand eines langjährigen, konzentrierten Sehens.
Hermann Geibel und seine Rolle im Nationalsozialismus
Bei aller ästhetischen Präsenz der Flötenspielerin im öffentlichen Raum ist es wichtig, auch die historische Einbettung ihres Schöpfers, Hermann Geibel (1889–1972), sichtbar zu machen. Die kunsthistorische Bewertung seines Werkes lässt sich nicht von seinem Wirken während der Zeit des Nationalsozialismus trennen. Geibel war zunächst Mitglied im Deutschen Künstlerbund, der 1936 verboten wurde. Im gleichen Jahr wurde er in den künstlerischen Beirat der neu gegründeten „Darmstädter Künstlergemeinschaft“ berufen – eine Organisation, die durch Oberbürgermeister Otto Wamboldt zentralisiert und bewusst in den Dienst der nationalsozialistischen Kulturpolitik gestellt wurde. Ziel dieser Einheitsorganisation war es, sämtliche lokale Künstler unter eine ideologisch konforme Führung zu bringen.
Geibel selbst war zwar kein Mitglied der NSDAP oder einer anderen NS-Organisation, doch seine künstlerische Position wurde vom Regime aktiv genutzt und gefördert. Adolf Hitler setzte ihn auf die sogenannte Gottbegnadeten-Liste, also in jene Auswahlliste der wichtigsten bildenden Künstler des NS-Staates. Diese Liste fungierte als staatliche Auszeichnung, als ideologische Wertung und zugleich als Schutz vor Einberufung oder Sanktionierung. Zwischen 1937 und 1939 war Geibel mit insgesamt sieben Werken auf den Großen Deutschen Kunstausstellungen in München vertreten – der zentralen Bühne nationalsozialistischer Kunstpolitik.
Diese Fakten markieren keine persönliche Schuld im strafrechtlichen Sinne, aber sie zeigen deutlich, in welchem kulturpolitischen Rahmen Geibel wirkte und welchen Stellenwert sein Schaffen im System der NS-Diktatur erhielt. Es ist daher notwendig, die künstlerische Qualität seiner Arbeiten – darunter auch die Flötenspielerin – immer im Bewusstsein dieses historischen Kontextes zu betrachten. Die Skulptur steht heute im demokratischen öffentlichen Raum; zugleich erinnert sie daran, dass Kunstwerke, so autonom sie uns erscheinen mögen, stets auch Spuren ihrer Entstehungszeit tragen. Dieser doppelte Blick – das ästhetische Erleben und die historische Verantwortung – ist unerlässlich für einen reflektierten Umgang mit Kunst im Stadtraum.
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