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WAS ICH SEHE. WAS ICH ZEIGE.

Autorenbild: Alexander  Kästel
Alexander Kästel
vor 18 Stunden
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 32 Minuten

Ein Kommentar zur GenZ regelt Demonstration in Mannheim. Wenn ich eine Demonstration fotografiere, gehe ich nicht dorthin, um alles festzuhalten. Ich gehe dorthin, um hinzusehen.

 

Ich bin Fotograf. Künstler. Ein Mensch mit Erfahrungen, Erinnerungen, Widersprüchen und einer eigenen Haltung. All das nehme ich mit, wenn ich meine Kamera in die Hand nehme.

Nahaufnahme einer maskierten Person mit Brille; im Spiegel der Skibrille eine Menschenmenge und ein Gebäude bei einer Demo.
ORT: Mannheim | BILDNUMMER: 26105697

 

Meine Fotografie ist keine Inventur der Wirklichkeit. Sie ist auch kein Versuch, eine vermeintlich objektive Wahrheit zu beweisen.

Sie ist meine Begegnung mit ihr.

 

Ich entscheide, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte. Welchem Menschen ich nahekomme. Welchem Blick ich begegne. Welchen Augenblick ich festhalte. Und welchen ich vorübergehen lasse.

 

Ich entscheide, was ich zeige.

Und ebenso,

was nicht.

 

Das bedeutet nicht,

dass ich alles andere übersehe.

Im Gegenteil.

 

Oft sehe ich gerade das besonders deutlich, was ich später nicht abbilde.

Nicht alles, was ich sehe, muss ich zeigen. Und nicht alles, was ich nicht zeige, habe ich übersehen.

 

Natürlich ist auch diese Entscheidung nicht frei von Verantwortung. Bilder können aufklären, berühren, verschweigen, verzerren. Sie können Zusammenhänge sichtbar machen oder aus ihrem Zusammenhang reißen.

 

Ich weiß das.

Deshalb beginnt meine Verantwortung nicht erst mit dem Auslösen der Kamera. Sie beginnt mit meiner Haltung gegenüber den Menschen, die ich fotografiere.

 

Mit Achtung. Mit Empathie. Mit Nähe.

Und manchmal mit Distanz.

 

Ich möchte nicht bloß Ereignisse abbilden. Ich möchte etwas von dem sichtbar machen, was sich zwischen den Ereignissen abspielt. Die kleinen Gesten. Das Zögern. Das Lächeln. Die Müdigkeit. Die Entschlossenheit. Einen Blick, der sich in der Menge verliert. Ein Gesicht, das für einen Augenblick aus ihr hervortritt.

 

Dort, wo andere vielleicht nichts Besonderes sehen, beginnt für mich oft erst das Bild. Das ist mein Verständnis von fotografischer Reportage.

 

Nicht Vollständigkeit um jeden Preis.

Sondern Aufmerksamkeit.

 

Bei der Demonstration der GenZ in Mannheim galt meine Aufmerksamkeit den jungen Menschen. Ihren Gesichtern. Ihren Begegnungen. Ihrer Präsenz. Ihrem Versuch, sich Gehör zu verschaffen.

 

Es ging um ihre Zukunft. Um Bildung, um Schulen, um gesellschaftliche Veränderung. Um die Frage, welche Welt sie einmal übernehmen sollen.

 

Ich habe auch andere politische Akteur*innen gesehen. Ihre Fahnen, ihre Botschaften, ihre Versuche, Aufmerksamkeit auf eigene Anliegen zu lenken.

 

Ich habe mich entschieden, diesen Aspekten in meiner Bildauswahl nicht die Hauptrolle zu geben. Nicht aus Blindheit.

 

Sondern aus Überzeugung, dass das ursprüngliche Anliegen der jungen Menschen selbst genügend Aufmerksamkeit verdient.

 

Auch die Palästina-Flaggen sind auf meinen Schwarz-Weiß-Fotografien nicht grundsätzlich verschwunden. Sie haben, wie alle anderen Flaggen, ihre Farben verloren. Was im Bild bleibt, ist nicht automatisch das, was darin dominieren muss.

 

Meine Fotografien sind deshalb kein vollständiges Protokoll dieser Demonstration. Sie sollen es auch nicht sein.

 

Sie zeigen einen Ausschnitt der Wirklichkeit.

Meinen Ausschnitt. Und dennoch hat mich diese Demonstration mit mehr Fragen zurückgelassen, als ich vorher hatte.

 

Denn ich frage mich, wie viel Hoffnung wir eigentlich von einer Generation erwarten können, der wir eine Welt hinterlassen, in der so vieles aufgebraucht scheint.

 

Eine Generation, die mit den Folgen politischer Entscheidungen leben muss, die andere getroffen haben.

 

Die Klimakrise. Kriege. Soziale Ungleichheit. Die Frage nach bezahlbarem Wohnen, nach Sicherheit, nach Bildung, nach einer Zukunft, die diesen Namen noch verdient. Wie soll man an diese Zukunft glauben, wenn diejenigen, die sie seit Jahrzehnten gestalten, so oft an der Gegenwart scheitern? Und wie soll man lernen, die Welt zu verändern, wenn man gleichzeitig in einer Gesellschaft aufwächst, die einem unablässig etwas anderes verspricht?

 

Kauf dich glücklich.

Kauf dich frei.

Kauf dir ein Stück Zukunft.

 

Wir haben Generationen hervorgebracht, denen wir erzählen, dass Freiheit grenzenlos sei, während wir ihren Wert immer wieder an Kaufkraft, Besitz, Leistung und Verwertbarkeit messen.

 

Der Neoliberalismus hat nicht nur unsere Wirtschaft geprägt. Er hat unsere Vorstellungen vom Leben geprägt. Von Erfolg. Von Selbstbestimmung. Von dem, was ein Mensch wert sein soll. Vielleicht ist Konsum manchmal auch eine Gegenbewegung zur Wirklichkeit. Eine kurze Flucht vor dem, was zu groß, zu kompliziert, zu bedrohlich geworden ist.

 

Eine Ablenkung, die sich wie Freiheit anfühlt.

Ich kann das verstehen.

Aber verstehen bedeutet nicht,

es widerspruchslos hinzunehmen.

 

Wenige Tage vor dieser Demonstration habe ich in Mannheim die Gedenkveranstaltung zur Deportation jüdischer Menschen nach Gurs fotografiert.

 

Ich sah vor allem ältere Menschen.

Junge Menschen waren kaum zu sehen, abgesehen von dem fantastischen Kinderchor, der gesungen hat.

 

Nur wenige Schritte entfernt erlebte ich eine vollkommen andere Form der Aufmerksamkeit: eine lange Schlange vor einem neu eröffneten Geschäft. Viele junge Menschen. Geduldig wartend. Voller Erwartung.

 

Diese Bilder gehen mir nicht aus dem Kopf.

 

Hier die Erinnerung an Menschen, denen ihre Rechte, ihre Heimat und schließlich vielfach ihr Leben genommen wurden.

 

Dort das Versprechen,

etwas Neues besitzen zu können.

 

Ich will diese jungen Menschen nicht gegeneinander ausspielen. Ich weiß nicht, was sie bewegt, woran sie glauben oder wofür sie sich an anderen Tagen einsetzen.

 

Und politisches Bewusstsein lässt sich nicht daran messen, wer an einem bestimmten Nachmittag wo gestanden hat.

 

Trotzdem bleibt dieser Widerspruch.

Er schmerzt.


Denn Erinnern ist keine Angelegenheit der Alten.

Und Zukunft keine Angelegenheit der Jungen allein.

 

Wir brauchen beides.

Menschen, die sich erinnern.

Und Menschen, die verändern.

Das ist die eigentliche Zumutung unserer Gegenwart: Wir erwarten von jungen Menschen, dass sie die Fehler ihrer Vorgänger*innen korrigieren, während wir sie gleichzeitig in einer Welt großziehen, die ihnen unablässig vermittelt, dass die Erfüllung ihrer Wünsche im Konsum liegt.

 

Wir verlangen Haltung

und verkaufen Ablenkung.

 

Wir fordern Verantwortung

und belohnen Anpassung.

 

Wir sprechen von Zukunft

und verbrauchen sie in der Gegenwart.

 

Und trotzdem stehen sie da.

Auf unseren Straßen.

Mit ihren Stimmen,

ihren Fragen,

ihren Unsicherheiten,

ihren Widersprüchen.

 

Nicht als eine einheitliche Generation. Nicht alle mit denselben Überzeugungen. Nicht frei von Irrtümern, Bequemlichkeit oder den Versuchungen dieser Gesellschaft.

 

Aber sie stehen da.

Sie versuchen, etwas zu verändern.

Chapeau!

 

Gerade deshalb möchte ich ihnen Aufmerksamkeit geben. Nicht den lautesten Gruppen, nicht dem nächsten Streit um Symbole und nicht der nächsten Empörungswelle in den sozialen Medien. Sondern den Menschen, um deren Zukunft es geht.

 

Das heißt nicht, dass andere Missstände unwichtig wären. Antisemitismus, Menschenfeindlichkeit und politische Gewalt verlieren ihre Bedeutung nicht dadurch, dass ich sie auf einzelnen Fotografien nicht abbilde. Sie müssen erkannt, benannt und entschieden zurückgewiesen werden.

 

Aber ich muss ihnen nicht in jeder meiner Bildstrecken eine Bühne bauen. Ich möchte nicht, dass am Ende wieder diejenigen die Aufmerksamkeit bekommen, die ohnehin am lautesten darum kämpfen.

 

Ich möchte den Menschen Raum geben,

die sonst untergehen.

 

Meine Fotografien dürfen hinterfragt werden.

Natürlich.

 

Ich wünsche mir sogar, dass sie Fragen auslösen. Dass Menschen genauer hinsehen. Dass sie ihre eigenen Gewissheiten überprüfen.

 

Aber aus einem Bild, das ich nicht gemacht oder nicht veröffentlicht habe, unmittelbar auf eine Haltung zu schließen, die ich angeblich nicht besitze, ist kein genauer Blick.

 

Es ist ein vorschnelles Urteil.

 

Meine Fotografie ist kein Ersatz für journalistische Berichterstattung. Sie entbindet mich nicht von der Verantwortung, wahrhaftig mit dem umzugehen, was ich zeige. Aber sie muss auch nicht alles zeigen, um etwas Wesentliches sichtbar zu machen.

 

Mich interessieren die Menschen. Ihre Gesten, ihre Begegnungen, ihre Widersprüche. Auch das Beiläufige, das im großen Geschehen schnell übersehen wird. Ich fotografiere nicht, um Parolen zu illustrieren oder vorgefertigte Antworten zu liefern. Ich zeige, was ich wahrgenommen habe. Was andere darin erkennen, liegt nicht allein bei mir.

Weil ein einziges Gesicht manchmal mehr Fragen aufwirft als tausend Parolen beantworten. Und weil Kunst nicht dazu da ist, uns jede Antwort abzunehmen.

 

Ich wünsche mir eine Generation, die an die eigene Kraft zur Veränderung glaubt. Auch dann, wenn ihr der Glaube an die Zukunft schwerfällt.

 

Und ich wünsche mir eine Gesellschaft, die dieser Generation nicht nur Verantwortung überträgt, sondern ihr auch zuhört und hilft.

 

Ich will nicht alles zeigen. Ich will, dass wir genauer hinsehen. 



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Alexander Kästel selbst mit blauen Haaren.

Foto: Stefan Hillebrand

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Alexander Kästel arbeite u.a. mit FUJIFILM GFX100II, Hasselblad X2D und Canon R5 und Infrarotkameras, er ist CPS Platinmitglied, sowie im Vorstand des Künstlerbund Rhein-Neckar e.V.

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Seine Pronomen: er/ihn

His pronouns: he/him



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