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ICH GEBE NICHT AUF!

  • Autorenbild: Alexander  Kästel
    Alexander Kästel
  • 12. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Ich bin Fotograf. Ich dokumentiere seit Jahren queere Veranstaltungen, Pride-Demonstrationen, den Christopher Street Day. In Mannheim, in anderen Städten. Ich zeige, was ich sehe. Das ist meine Arbeit. Das ist mein Aktivismus.


Zwei Frauen küssen sich auf einer CSD Demonstration; eine trägt ein gepunktetes Shirt und bunte Armbänder, Hintergrund unscharf.
Letzte Woche habe ich zum ersten Mal den CSD Dresden dokumentiert und die Bilder veröffentlicht.

Was danach passierte, hat mich zwar nicht überrascht. Ich weiß sehr wohl, wie das Netz funktioniert. Ich weiß, was passieren kann, wenn man queer-politische Inhalte sichtbar macht. Aber ich hatte bis jetzt nicht gewusst, wie groß der Unterschied ist, ob ich etwas in Mannheim poste oder in Dresden. Ob ich den CSD im Westen des Landes dokumentiere oder im Osten. Das ist ein anderes Land. Digital. Und auf der Straße.

 

Innerhalb von Stunden: Dutzende, Hunderte Kommentare. Hass. Lachende Smileys. Wütende. Ich habe Stunden damit verbracht, Kommentare zu löschen, Accounts zu blockieren. Eine koordinierte Trollarmee, die sich auf meinen Post stürzte, bis mein Account beschädigt war, die Bilder verschwunden, der Beitrag nicht mehr auffindbar. Stunden. Für einen einzigen Post.

Ich frage mich: Wie ist das für Menschen, die im Osten des Landes, in Sachsen, explizit in Dresden leben? Die queerpolitisch aktiv sind, die sichtbar sind, die jeden Tag in dieser digitalen und realen Öffentlichkeit existieren? Was passiert mit jemandem, dem das nicht einmal passiert, wenn er etwas postet, sondern täglich, bei jeder Äußerung, bei jedem Foto, bei jedem Kommentar?

 

Das ist keine rhetorische Frage. Das ist die Realität von queeren Aktivist*innen im Osten dieses Landes.

 

Und ich will, dass wir das verstehen. Nicht als abstraktes Problem. Als politische Methode.

 

Was ich jetzt zum ersten Mal erlebt habe, war kein spontaner Aufruhr. Das war organisiert. Rechte Netzwerke, Telegram-Gruppen, koordinierte Accounts, Bots, die innerhalb von Minuten mobilisiert werden, wenn ein queerer Post aus Dresden auftaucht. Die Strategie ist einfach und sie ist effektiv: Überfluten. Zermürben. Erschöpfen. Nicht widerlegen, nicht diskutieren, einfach überwältigen, bis derjenige aufhört. Bis die Bilder weg sind. Bis die Stimme verstummt. Bis der Raum wieder ihnen gehört.

 

Sie wollen keine Debatte. Sie wollen Kapitulation.

 

Und es funktioniert. Es funktioniert, weil wir oft noch einzeln kämpfen. Weil viele ihre Posts allein verteidigen, allein die Kommentare löschen, allein blockieren, allein erschöpft aufgeben. Weil wir glauben, das sei ein individuelles Problem und kein politisches. Weil wir immer noch denken, einmal im Jahr, den Pride, so laut und bunt es nur geht, zu feiern, würde reichen. Es reicht nicht. Es hat nie gereicht. Genau jetzt, in diesem Moment, ist diese Illusion gefährlich.

 

Es ist nicht fünf vor zwölf. Es ist zehn nach zwölf.

 

Rechte Strukturen haben die digitale Öffentlichkeit längst als Kampffeld verstanden. Sie sind organisiert, finanziert, vernetzt. Sie arbeiten täglich. Sie schlafen nicht. Und sie wissen genau, was sie tun: Wer queere Menschen online zum Schweigen bringt, macht sie unsichtbar. Wer sie unsichtbar macht, löscht sie aus dem politischen Raum. Wer sie aus dem politischen Raum löscht, gewinnt.

 

Wir müssen das mit gleicher Klarheit verstehen.

 

Deshalb schreibe ich das. Nicht um zu klagen. Nicht um Mitleid zu bekommen. Sondern um zu sagen: Solidarität ist keine Geste. Solidarität ist Arbeit. Solidarität bedeutet, dass wenn jemand aus unserer Community angegriffen wird, wir nicht weitergehen. Wir beistehen. Wir kommentieren. Wir teilen. Wir fluten zurück, mit Sichtbarkeit, mit Unterstützung, mit unserer Präsenz. Wir zeigen, dass niemand allein kämpfen muss.

 

Solidarität bedeutet, dass wir aufhören, uns nur im Sommer zu kennen. Dass wir Strukturen bauen, die über den CSD-Samstag hinaushalten. Netzwerke, die nicht einmal im Jahr aktiviert werden, sondern täglich funktionieren. Dass wir queerpolitische Arbeit aus Dresden, aus Chemnitz, aus Cottbus, aus Bautzen und anderswo genauso sehen, teilen und verteidigen wie die aus Hamburg, Berlin oder Köln.

 

Solidarität bedeutet, dass wir uns nicht daran gewöhnen, dass es im Osten dieses Landes schwerer ist, sichtbar zu sein. Das ist keine lokale Besonderheit. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Und es ist unseres.

 

Ich werde nicht aufhören zu fotografieren. Ich werde nicht aufhören darüber zu schreiben und zu veröffentlichen. Ich werde CSD-Demonstrationen weiterdokumentieren, ob in Mannheim oder in Dresden oder anderswo. Auch wenn es Stunden kostet, danach physisch, psychisch, real und virtuell aufzuräumen.

 

Aber ich kann das nicht allein. Und ich will es nicht allein tun.

 

Wir sind viele. Wir sind stärker, wenn wir zusammen sind. Nicht nur auf der Straße. Online. Im Alltag. Bei jedem Post, der angegriffen wird. Bei jeder Person, die gerade allein sitzt und Kommentare löscht und sich fragt, ob es das wert ist.

 

Es ist das wert. Wir sind das wert. Aber nur, wenn wir füreinander da sind. Jetzt. Nicht irgendwann.

 

Jetzt. Steht uns allen bei, kommentiert, bewertet journalistische Aktivist*innen, Queerpolitische Menschen, Künstler*innen auf Google, zeigt was ihr bisher nur heimlich denkt. Macht die Sichtbar, die Sichtbarkeit brauchen, denn ohne sie werden wir alle unsichtbar. Vielen Dank fürs Lesen.

Alexander Kästel


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1 Kommentar

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katjas-onlinewege
13. Juni
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Solidarität!!!!!

Im Herzen. - Im Geist. - Im Tun.


Jede*r auf die eigene Art und Weise. - Mit dem was möglich ist. - Aber füreinander, für uns alle!


Solidarität endet nicht bei Länderfragen oder Genderfragen.

Sie gilt auf den großen Bühnen genauso, wie im Kleinen, direkt, um uns herum.


Fangen wir an! - Machen wir weiter!


Ich bin vielleicht leise, aber ich bin unbeugsam.

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