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ZEIT&WENDE

Autorenbild: Alexander  Kästel
Alexander Kästel
vor 4 Stunden
4 Min. Lesezeit

Wie eine

Zeit&Wende:

Nur noch

Zeit. Zeit. Zeit.

 

Davor:

Merz war nicht.

Im Herbst 89.

Wende war.

 

Umgegraben.

Schonungslos.

Schnell. Schnell. Schnell.

Die Folgen

 

Baseballschläger.

Statt Spaten.

 

Kohl liegt welk.

Auf rostbraunen

blühenden Landschaften.

 

Die Zweite:

Zeit&Wende

 

Unter Merz

sprießt Unkraut.

Schon wieder

Auferstehung.

Aus Ruinen.

 

Hohl&Stumm

Dumm. Dumm. Dumm.

 

Schon wieder

Baseballschläger.

Statt Spaten.

 

Der alte Merz welkt

Am Braun zu Ende.

Die Nächste:

Zeit&Wende

 

- Alexander Kästel -

Mannheim - Dresden 15. Juli 2026

Nahaufnahme einer schwarz-rot-gold besprühten Betonwand mit handschriftlich: Deutschland muss sterben!
ORT: MANNHEIM | BILDNUMMER: B0003948

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob und wie ich meine Lyrik öffentlich zeige. Dass ich mich ausgerechnet heute, am Tag der Deutschen Einheit, dazu entschieden habe, ZEIT&WENDE zu veröffentlichen, war trotzdem spontan.

Vielleicht, weil mir dieser Tag nach den vergangenen Jahren nicht mehr erlaubt, nur zurückzuschauen.

Mehr als drei Jahrzehnte sind vergangen. Mehr als eine Generation. Durch meine Arbeit an MUTTERLAND bin ich in den vergangenen Jahren immer wieder nach Dresden zurückgekehrt. Ich habe dort fotografiert, recherchiert, gesprochen, zugehört und beobachtet. Ich habe mich mit Orten und Geschichte beschäftigt, vor allem aber mit Menschen.

Und ich habe erlebt, wie sich etwas verändert.

Wie sich nicht nur eine Generation radikalisiert. Wie rechtsextremes und faschistisches Denken wieder Raum gewinnt. Wie Dinge sagbar werden, von denen ich lange glaubte, wir hätten zumindest verstanden, wohin sie führen können.

Vielleicht empfinde ich deshalb gerade jetzt die Notwendigkeit, den Finger in diese Wunde zu legen. Nicht, weil ich glaube, einfache Antworten zu haben. Sondern weil ich zeigen möchte, was ich wahrnehme.

Auf meinen Fotografien sind die Menschen, denen ich in Dresden begegnet bin, kaum zu sehen. Und doch sind sie da. In ihren Spuren, ihren Geschichten und Erinnerungen. In ZEIT&WENDE treten einige dieser Erfahrungen auf eine andere Weise hervor.

Das Gedicht führt mich zurück in die Wendejahre und zugleich in die Gegenwart. Zu den Hoffnungen von 1989, zu den Versprechen, den Brüchen und zu dem, was danach kam.


Es ist kein romantischer Blick zurück. Aber ebenso wenig möchte ich die Geschichte des Ostens und der Jahre nach der Wende auf Verletzungen und Versäumnisse reduzieren.


Heute schaue ich mit Abstand auf diese Zeit. Mit Mitgefühl. Mit dem Versuch zu verstehen. Mit Verständnis. Aber auch mit Ohnmacht und Erschrecken.


Mich interessiert nicht nur,

was damals geschah.

Mich interessiert,

was daraus geworden ist.

Welche Chancen haben wir genutzt?

Welche haben wir verstreichen lassen?

Was haben wir übersehen?

Und welche Folgen davon begegnen uns heute?


Der Tag der Deutschen Einheit erinnert an das Zusammenkommen zweier Teile eines Landes, die sich für viele Menschen noch immer wie zwei verschiedene anfühlen. Für mich ist dieser Tag deshalb auch ein Anlass zu fragen, was aus dieser Einheit geworden ist. Was gelungen ist. Und was uns bis heute nicht gelungen ist.


Besonders erschreckt mich, wenn junge Menschen heute Anschluss an rechtsextreme Strukturen und faschistisches Denken finden. Ich glaube nicht, dass wir dabei nur auf diese Jugendlichen zeigen dürfen. Wir müssen auch auf uns selbst schauen.


Was haben wir als Gesellschaft in den vergangenen zehn, zwanzig, dreißig Jahren versäumt? Wo ist es uns nicht gelungen, Zugehörigkeit, wirkliche Teilhabe und demokratische Erfahrung zu ermöglichen? Wo haben wir nicht zugehört? Wo haben wir zu lange weggesehen?


Das entschuldigt keine menschenfeindliche Haltung. Und es entbindet niemanden von der Verantwortung für das eigene Handeln.


Aber wenn wir nur auf die Symptome schauen, ohne verstehen zu wollen, wie sie entstehen, werden wir ihnen immer wieder begegnen. Darin liegt eine der großen Aufgaben unserer Demokratie. Sie muss sich gegen ihre Feinde verteidigen. Aber sie muss gleichzeitig dafür sorgen, dass Demokratie nicht nur ein Wort, eine Institution oder ein Kreuz auf einem Wahlzettel bleibt.

Sie muss erfahrbar sein.


In Teilhabe. In Bildung.

In sozialer Sicherheit.

Im Zuhören.

Im Widerspruch.

In der Möglichkeit,

sich einzumischen.

Und in der Erfahrung,

dass die eigene Stimme etwas bewirken kann.


Vielleicht ist das keine Heilung.

Vielleicht ist es schlicht die notwendige Arbeit an unserem Verhältnis zueinander. Denn mehr als drei Jahrzehnte nach der Wende stehen wir wieder vor der Frage, welche Gesellschaft wir sein wollen.


Und während wir noch darüber sprechen, was damals geschehen ist, entsteht längst das nächste Danach.


Deshalb veröffentliche ich ZEIT&WENDE heute. Nicht, weil ich glaube, die Vergangenheit erklären zu können. Sondern weil ich nicht schweigend dabei zusehen möchte, wie wir beginnen, Teile von ihr zu wiederholen.



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Alexander Kästel selbst mit blauen Haaren.

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Alexander Kästel arbeite u.a. mit FUJIFILM GFX100II, Hasselblad X2D und Canon R5 und Infrarotkameras, er ist CPS Platinmitglied, sowie im Vorstand des Künstlerbund Rhein-Neckar e.V.

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​

/////////// Alexander Kästel

​

Seine Pronomen: er/ihn

His pronouns: he/him



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