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DAS PHÄNOMEN

  • Autorenbild: Alexander  Kästel
    Alexander Kästel
  • vor 14 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Ihr Lieben,

ganz unkommentiert kann ich das nachfolgende Gedicht von Hanns Dieter Hüsch aus dem Jahr 1981 nicht lassen.

 

Lest es. Auch wenn es lang ist. Und hört euch unbedingt auch das dazugehörige Video an. Wenige haben es geschafft, ihre eigenen Texte so eindringlich zu rezitieren.

 

Seine Worte sind erschreckend aktuell.Wir sollten uns ab sofort nicht mehr von der AfD und ihren faschistischen Zielen erschrecken lassen. Das haben wir die letzten zehn Jahre mehr als genug getan. Wir haben uns empört. Wir haben diskutiert. Wir haben versucht, mit Fakten Wahrheiten zu schaffen, während Unwahrheiten und Lügen, frei von jeder Überprüfung und frei von jedem weiteren Nachdenken, wie ein kostenloser Nachtisch angeboten wu rden.

 

Kostenlos wird das für uns alle nicht sein.

Wir zahlen den Preis dafür längst. Seit Jahren. Und wir werden ihn weiterzahlen, wenn wir nicht endlich aufhören, nur zuzusehen, uns zu empören und darauf zu hoffen, dass es schon irgendwie nicht so schlimm kommen wird.

 

Jetzt geht es um Widerstand.

Um Standhaftigkeit.

Um Zusammenhalt.

Um JETZT.

 

Und bitte nicht nur innerhalb unserer eigenen Bubble. Nicht nur mit denen, die wir vielleicht gerade noch so irgendwie in unseren eigenen engen Grenzen mitbekommen.

 

Wir müssen jetzt allen die Hand reichen, die unseren Schutz brauchen. Weil sie zu uns gehören. Weil sie Teil dieser Gesellschaft sind. Weil niemand von uns sicher sein kann, solange andere ausgegrenzt, bedroht und angegriffen werden.

 

Wir brauchen einander.

Alle. Solidarisch. Gemeinsam.

Lasst uns unsere Arme öffnen.

Lasst uns unsere Herzen öffnen.

Und lasst uns gemeinsam unsere Fäuste ballen.

 

Nicht gegen Menschen.

Gegen die Ideologie,

die Menschen gegeneinander stellt.

 

Gegen Ausgrenzung.

Gegen Hass.

Gegen Faschismus.

 

Vielleicht ist das kein weiterer Weckruf mehr.

Vielleicht ist es der letzte.


Schwarzweiß-Statue eines geflügelten Menschen mit erhobenen Armen vor hellem Himmel.
ORT: Mannheim | BILDNUMMER: FUJI5184

DAS PHÄNOMEN

 

Was ist das für ein Phänomen?

Fast kaum zu hören, kaum zu sehn.

Ganz früh schon fängt es in uns an:

das ist das Raffinierte dran.

 

Als Kind hat man's noch nicht gefühlt,

hat noch mit allen schön gespielt.

Das Dreirad hat man sich geteilt,

und niemand hat deshalb geheult.

 

Doch dann hieß es von oben her:

“Mit dem da spielst du jetzt nicht mehr,

das möcht ich nicht noch einmal sehn!“

Was ist das für ein Phänomen?

 

Und ist man grösser, macht man's auch.

Das scheint ein alter Menschenbrauch;

nur weil ein and'rer anders spricht

und hat ein anderes Gesicht.

 

Und wenn man's noch so harmlos meint,

das ist das Anfangsbild vom Feind:

“Er passt mir nicht, er liegt mir nicht,

ich mag ihn nicht und find ihn schlicht

 

geschmacklos und hat keinen Grips –

und ausserdem: sein bunter Schlips!“

Dann setzt sich in Bewegung leis

der Hochmut und der Teufelskreis.

 

Und sagt man was dagegen mal,

dann heisst's: „Wer ist denn hier normal,

ich oder er, du oder ich?

Ich find' den Typen widerlich!“

 

Und wenn du einen Penner siehst,

der sich sein Brot vom Dreck aufliest,

dann sagt ein Mann zu seiner Frau:

“Guck dir den Schmierfink an, die Sau!

 

Verwahrlost bis zum dorthinaus –

ja, früher warf man die gleich raus.

Und heute muss ich sie ernähren,

und unsereins darf sich nicht wehren.

 

Und auch die Gastarbeiterpest,

der letzte Rest vom Menschenrest,

die sollt’ man alle, das tät gut,

Spießruten laufen lassen bis auf's Blut!“

 

Das ha’m wir doch schon mal gehört.

Da hat man die gleich streng verhört,

verfolgt, gehetzt, und für und für

ins Lager reingepfercht, und hier

 

hat man sie dann erschlagen all!

Die Kinder mal auf jeden Fall.

Die hatten keinem was getan.

Was ist das für ein Größenwahn?

 

Das lodert auf im Handumdreh'n,

und ist auf einmal Weltgescheh'n.

Denn plötzlich steht an jedem Haus:

“Die Türken und Zigeuner raus!“

 

Nur weil kein Mensch derselbe ist,

und weiß und schwarz und gelbe ist,

wird er verbrannt, ob Frau, ob Mann.

Und das fängt schon von klein auf an.

 

Und wenn ihr heute Dreirad fahrt,

ihr Sterblichen, noch klein und zart.

Es ist doch eure schönste Zeit

voll Phantasie und Kindlichkeit.

 

Lasst keinen kommen, der da sagt,

dass ihm dein Spielfreund nicht behagt!

Dann stellt euch vor das Türkenkind,

dass ihm kein Leids und Tränen sind.

 

Dann nehmt euch alle an die Hand,

und nehmt auch den, der nicht erkannt,

dass früh schon in uns allen brennt,

das, was man den Faschismus nennt.

 

Nur wenn wir eins sind überall,

dann gibt es keinen neuen Fall

von Auschwitz bis nach Buchenwald!

Und wer's nicht spürt, der merkt es bald.

 

Nur wenn wir in uns alle sehn,

besiegen wir das Phänomen!

Nur wenn wir alle in uns sind:

...fliegt keine Asche mehr im Wind…!


- Hanns Dieter Hüsch - (1981)


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Alexander Kästel arbeite u.a. mit FUJIFILM GFX100II, Hasselblad X2D und Canon R5 und Infrarotkameras, er ist CPS Platinmitglied, sowie im Vorstand des Künstlerbund Rhein-Neckar e.V.

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